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Montag, 10. Oktober 2016

Im Krug





Schwerfällig betritt Alois Mostbock die Gaststube des Wirtshauses Zum Krug in Miesbach, einer kleinen Ortschaft in der steirischen Einöde.
Er begrüßt die Anwesenden, nämlich Manfred Pilcher, den Besitzer des Krugs, und Anton Kipfl, den Dorfpolizisten. Dann nimmt er den prall gefüllten Rucksack von seinem Rücken, lehnt ihn an die Bar, sein Gewehr lehnt er auch dorthin, knöpft seine Steirerjacke aus Kammgarn auf und bestellt.
“Einen Liter Most und ein Stamperl Obstler, Manfred.”
Der Wirt stellt ihm einen Maßkrug Most und ein randvolles Schnapsglas hin und murmelt: “Zum Wohl, Alois.”
Mostbock trinkt den Schnaps und ein Drittel des Mostes und öffnet die beiden obersten Knöpfe seines Hemdes.
Da beginnt Anton Kipfl zu lachen.
“Was ist los?”, will Mostbock wissen.
“Dein Hemd ist schön, Alois. Aber wenn Du dich an einen Tisch setzt, kommt es bestimmt noch besser zur Geltung.”
Mostbock setzt sich an deinen der drei Tische im Schankraum, sieht den Wirt und den Polizisten an, hebt die Arme und sagt: “Und?”
Da brechen die beiden in schallendes Gelächter aus.
Mostbock sieht erst auf sein weiß grün kariertes Hemd, dann auf das Tischtuch und erkennt den Grund für die allgemeine Belustigung: das Muster des Tischtuches ergießt sich förmlich auf seinen Oberkörper.
“Sehr witzig!”, brummt Mostbock und erhebt sich. Wieder an der Bar, bestellt er noch einen Schnaps.
“Sag, Alois”, meint Kipfl und blickt neugierig auf den Rucksack und das Gewehr, “warst Du auf der Jagd?”
“Nein, war ich nicht”, antwortet Mostbock. “Im Rucksack habe ich Fleisch, Brot und Milch für das Wochenende.”
“Und wie viele Flaschen Obstler?”, fragt der Wirt.
“Zwei”, antwortet Mostbock schnell.
“Ich an Deiner Stelle würde nicht mit dem Jagdgewehr durch die Gegend laufen”, sagt der Polizist. “Du erweckst damit den Eindruck, ein Wilderer zu sein.”
Mostbock hat nämlich keinen Jagdschein.
Dreimal ist er zur Jagdprüfung angetreten, doch ohne Erfolg. Er hat zwar versucht, den Schein seines verstorbenen Vaters Alfons zu fälschen, doch fiel der Schwindel Walter Zettl auf. Zettl ist der Miesbacher Aufsichtsjäger, Bürgermeister und Großbürger in Personalunion, und Mostbock kostete es zehn Liter Obstler, dass die Sache ohne Anzeige für ihn ausging.
“Wenn Zettl dich mit dem Gewehr im Wald sieht, wirst Du große Probleme kriegen. Das hat er schon etliche Male gesagt”, brummt Manfred Pilcher.
“Dafür kannst Du ins Gefängnis kommen, Alois”, sagt Kipfl, der Polizist.
Da öffnet sich die Tür des Krugs und Walter Zettl betritt den Raum, gefolgt von Tristan, seinem Jagdhund.
“Guten Abend, meine Herren!”, ruft Zettl.
“Grüß Gott, Herr Bürgermeister!”, rufen die drei Männer.
“Pilcher!”, wendet sich Zettl an den Wirt. “Gib mir ein großes Bier! Und einen Napf Wasser für den Tristan! Und wenn Du dir Pluspunkte bei mir verdienen möchtest, dann bringst Du Tristan auch ein paar Scheiben Extrawurst!”
Dies sagt er im Befehlston, und Manfred Pilcher sagt: “Jawohl, Herr Bürgermeister! Kommt sofort!” und schenkt schnell Bier und Wasser ein, dann geht er in die Küche und holt die Wurst.
Die zweihundertvierundzwanzig Einwohner von Miesbach sprechen Walter Zettl stets mit Sie an, während er sie alle zu duzen pflegt und sie nie die Mühe gemacht hat, sich ihre Vornamen zu merken.
Tristan, der Jagdhund, wedelt mit dem Schwanz als der Wirt die Wurstscheiben vor ihn auf den Boden stellt und verschlingt sie gierig.
Dann wendet sich der Hund Mostbocks Rucksack zu. Aufgeregt beschnüffelt er ihn, dann kratzt er an ihm und beginnt zu bellen.
Da wird Zettl auf den Rucksack aufmerksam.
“Sag, Mostbock, was hast Du in dem Rucksack?”, fragt er barsch.
“Meine Einkäufe für das Wochenende, Herr Bürgermeister.”
“Dann sehen wir mal nach”, meint der Aufsichtsjäger, hebt den Rucksack hoch, stellt ihn auf einen Tisch, blickt auf das Tischtuch, dann auf Mostbock, murmelt: “Schönes Hemd, Mostbock!” und öffnet ihn. Er dreht ihn um und auf den Boden fällt ein schöner Rehbock.
“Mostbock!”, brüllt Zettl. “Das ist der Bock, den ich morgen schießen wollte!”
Der Angebrüllte errötet und stammelt: “Den hat wohl ein Auto angefahren. Als ich ihn gefunden habe, war er schon tot, Herr Bürgermeister.”
Kipfl reagiert sofort auf Zettls Wink. Er hebt das Gewehr auf, riecht am Lauf und sagt: “Rede keinen Blödsinn, Alois. Aus dieser Waffe wurde heute geschossen, das rieche ich doch!”
“Jetzt ist es um dich geschehen”, sagt Manfred Pilcher zu Mostbock. “Aus dieser Geschichte kommst Du nicht heraus.”
“Was machen wir mit diesem Wilderer, Herr Bürgermeister?”, fragt Kipfl.
“Du wirst ihn auf der Stelle verhaften, Kipfl!”, gibt Zettl zurück. “Bei Wasser und Brot wirst Du ihn in den Gemeindekotter sperren, diesen Wilddieb!”
“Das mache ich sicherlich nicht”, sagt Kipfl.
“Natürlich machst Du das, Kipfl! Glaubst Du etwa, dass dieser Bock der erste ist, den mir dieser Wilderer aus dem Revier herausgeschossen hat? Der hat ganz sicher schon viel Wild gestohlen!”
“Meine Herren”, sagt der Wirt und stellt vier Schnapsgläser und eine Flasche Obstler auf den Tresen, “beruhigen wir uns doch wieder.”
Zettl greift sich die Flasche und nimmt einen großen Schluck daraus. Dann räuspert er sich und sagt: “Dafür gehst Du ins Gefängnis, Mostbock!”
Da verliert dieser die Beherrschung. Er lässt seine Faust auf die Theke krachen und ruft: “Du bist ja selbst ein Wilderer, Zettl!”
Der Bürgermeister wird erst blass, dann läuft er purpurrot an.
“Ja ja, Du hast mich schon verstanden, Du Gauner!”, legt Mostbock nach. “Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich dich in den letzten Wochen mit toten Feldhasen aus dem Revier kommen sah!”
“Und weiter?”, zischt Zettl.
“Weißt du, nur weil ich keinen Jagdschein habe heißt das nicht, dass ich mich nicht auskenne! Feldhasen haben gerade Schonzeit!”
“Also, ein paar Hasen - was ist das schon im Vergleich zu einem Rehbock!”, wirft Kipfl ein. “Du hast dem Herrn Bürgermeister den schönsten Bock gestohlen und willst ihn dann wegen ein paar Hasen an den Pranger stellen. So geht das nicht, Alois!”
“Außerdem, Du Wilderer”, brüllt Zettl Mostbock an, “was ich in dem Revier, das sich seit Generationen im Besitz meiner Familie befindet, abschieße, geht niemanden etwas an!”
“Und das Du lange vor der Zeit von Deinem Vater übernommen hast!”, ergänzt Mostbock.
Plötzlich ist es ganz still im Krug.
Nach einer halben Minute bricht Zettl das Schweigen: “Was hast Du gerade gesagt, Mostbock?”
“Wie war das denn damals in eurem Jagdrevier, Zettl?”, ruft Mostbock. “Du warst mit deinem Vater jagen, aber aus dem Wald bist Du alleine gekommen!”
“Das war ein Unfall! Kipfl kann es bezeugen!”
“Was kann Kipfl bezeugen? Dass sich ein Schuss aus deinem Gewehr gelöst und dein Vater eben Pech gehabt hat?”
“So war es auch!”, ruft Zettl.
“Ja, so war es!”, brüllt Mostbock. “Es wirft allerdings ein schiefes Licht auf die Sache, dass dein Herr Papa dich enterben wollte, und zwar am nächsten Montag. Am Sonntag hast du eben die Angelegenheit zu deinen Gunsten geregelt!”
“Schwachsinn!”, brüllt der Bürgermeister, während sich der Polizist und der Wirt wortlos anschauen.
“Nein, das ist kein Schwachsinn, Zettl! Dein Vater hätte dich enterbt, weil Du”, nun überschlägt sich Mostbocks Stimme, “ein Alkoholiker bist, der alles versäuft! Aber”, nun spricht er mit ruhiger Stimme weiter, “weil der Bruder von Kipfl zufällig Schichtleiter in Deinem Sägewerk ist, ist die Sache glimpflich für dich ausgegangen.”
“Das ist eine bösartig Unterstellung!”, ruft der Polizist. “Eine Verleumdung gar!”
“Nein, Anton, das ist die Wahrheit”, murmelt der Wirt und nippt an seinem Schnapsglas.
Walter Zettl steht mit hochrotem Kopf da und wagt nicht, etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen. “Unfall”, murmelt er immer wieder.
“Weißt Du noch, Anton?”, fährt Pilcher fort, “Dein Bruder hat sich nach dem Jagdunfall des alten Zettl einen Porsche angeschafft. Und du warst nicht nur imstande, Dein Haus, das als Rohbau zehn Jahre lang die Gegend verschandelt hat, fertigzubauen - Du hast dir auch einen Schwimmteich und eine große Gartenlaube leisten können.”
Anton Kipfl wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab, der sich unter seiner Uniformkappe angesammelt hat.
“Herr Bürgermeister”, sagt er schließlich, “ich meine, dass wir hier eine Pattsituation haben. Ein Rehbock auf der einen Seite, und ein toter Geizhals auf der anderen.”
Walter Zettl will zu einer Entgegnung ansetzten, doch der Wirt ist schneller.
“Ganz so ist es dann doch nicht”, brummt er. “Korrekterweise muss es heißen: ein Geizhals und ein paar in der Schonzeit geschossene Feldhasen.”
Da erkennen sowohl Mostbock als auch Zettl, dass sie nur eine Möglichkeit haben, doch noch als Gewinner aus der Sache hervorzugehen.
“Mostbock!”, ruft Zettl, “Machen wir es so: Du wilderst nie wieder in meinem Revier! Und den bedauerlichen Unfall meines Vaters erwähnst Du nie wieder!”
“Und was habe ich davon?”
“Du darfst im Nachbarrevier wildern.”
“Sag, Zettl, willst Du mich auf den Arm nehmen?”, ruft Mostbock.
Der Bürgermeister sieht den Polizisten und den Wirt an, die beide auf den Rehbock blicken, und schüttelt dann den Kopf.
“Gut, Mostbock!”, sagt er. “Der Bock gehört mir. Du bekommst von mir die vier Feldhasen, die noch in meiner Kühlkammer hängen, und die Sache ist erledigt.”
Da reichen sie einander die Hand und der Friede im Krug ist wieder eingekehrt. Sie stoßen mit Obstler an und zur Feier des Tages bestellt Mostbock etwas für ihn Ungewöhnliches beim Wirt: “Manfred, bring Tristan noch ein paar Scheiben Extrawurst.”

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