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Montag, 10. Oktober 2016

Julias Verlust





Siebzehn Monate war es her, dass Julias Freund gestorben war und sie mit seinem Tod in eine schlimme Phase gestürzt hatte.
Sein Name war Georg gewesen, und zum Zeitpunkt seines Todes war er sechsunddreißig Jahre alt, so alt wie Julia damals. Er hatte sich betrunken hinters Steuer gesetzt und wohl vergessen, dass er diesem letzten Tunnelportal vor seinem Zielort ausweichen sollte, vielleicht war er aber auch einfach nur eingeschlafen. Jedenfalls, die Trauerfeier war sehr schön, Julia, die gut reden konnte, hielt die Grabrede, und dies ohne dass ihr die Stimme versagt oder auch nur gestockt hatte, und ohne Tränen.
Julia und Georg waren kein Paar im eigentlichen Sinn gewesen. Sie hatten sich ihr ganzes Leben gekannt und gemocht, das hatte im Kindergarten angefangen und sich bis zu ihrer gemeinsamen Sponsion zu Magistra und Magister der Kunstgeschichte durchgezogen. Es ist nicht so, dass sie es nie miteinander versucht hatten. Viele Male hatte er bei ihr und sie bei ihm übernachtet, doch wollte sich dieses spezielle Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit nicht einstellen, mehr als Sex und gute Gespräche war eben nicht.
Dennoch traf sie sein plötzlicher Tod so, als hätte sie ihren Lebenspartner verloren.
Die erste Woche nach seinem Unfall verbarrikadierte sie sich in ihrer Wohnung in Wien und ließ niemand an sich heran. Sie lag im Bett, weinte und konnte kaum etwas essen. Nach diesen Tagen ging es ihr etwas besser, was heißt, dass sie auf der Skala des Unglücklichseins von Wert Zehn auf Neuneinviertel gefallen war.
Julia konnte den Tod ihres, man kann es ruhig so sagen, besten Freundes nicht verstehen, dass er so mir nichts, dir nichts weg war, und somit auch nicht verwinden. Sie lehnte es ab, schwarz zu tragen, denn sie hasste diese Nichtfarbe, ansonsten aber war ihr die Trauer deutlich anzusehen und anzumerken. Dies hatten Freundinnen und Freunde ihr viele Male gesagt, und dann versucht, Julia auf andere Gedanken zu bringen, beispielsweise mit gemeinsamen Unternehmungen. Allein, diese halfen nicht.
Julia war in eine Art Tunnel der Trauer und Traurigkeit gegangen, eigefahren oder hineingestoßen worden und hatte erst keine Idee, wie sie diesen wieder verlassen konnte.
Nach einer Weile, einer Zeit, in der sie zu nicht viel fähig war, sogar in der Arbeit musste sie sich dienstfrei stellen lassen, zwang sie sich an ihren Schreibtisch und zur Erstellung einer Liste. Sie schrieb Tätigkeiten, also Beschäftigungen auf, von welchen sie sich vorstellen konnte, dass sie ihre Trauer lindern würden.
Am Anfang stand Sex. Julia zwang sich, abends auszugehen. Da sie hübsch war, etwas im Kopf hatte und obendrein von ihrer Wesensart her unkompliziert war, fiel ihr das leicht. Sie zog durch Restaurants und Bars, und sie ließ sich durch Betten ziehen. Zwei Architekten, einen Arzt, zwei Bauarbeiter und einen Müllmann lernte sie kennen und war ebenso erstaunt wie erbost über die Oberflächlichkeit all dieser Männer, die bloß das sprichwörtliche eine von ihr wollten. Wenn sie, vor Julias Zeit, fertig waren, drehten sie sich zur Seite, gerade dass sie ihr einen Zipfel der Decke ließen, und quittierten Julias offensichtlichen Wunsch nach einem Gespräch vor dem Einschlafen mit zufriedenem Grunzen, welches bald darauf in Schnarchen überging.
Sie beschloss, die Sache mit dem Sex langsam anzugehen, irgendwann, wenn die Traurigkeit Vergangenheit wäre, würde vielleicht der Richtige kommen.
Die Tage, die diesen Nächten folgten, brachte Julia in ihrer Wohnung zu, wo sie beinahe unentwegt an Georg dachte und die Fotos betrachtete, die sie von ihm hatte. Das brachte sie oft zum Weinen, und so war es nur logisch, dass sie die Fotos in eine Kiste packte und in die Abstellkammer trug.
Doch auch ohne die Fotos dachte sie an Georg. So vieles in ihrer Wohnung war mit Erinnerungen an ihn behaftet. Das Sofa, auf dem sie oft bis in die Morgenstunden geredet und gekuschelt hatten, der Esstisch, an dem sie gesessen, gegessen und getrunken hatten, die große Badewanne und natürlich das Bett. Eine Freundin gab ihr den Rat, alle Sachen, die sie an ihn erinnerten, aus der Wohnung zu schaffen, dann würde es leichter sein, über seinen Tod hinwegzukommen, doch das konnte sie unmöglich machen, denn dann hätte sie in einer fast leeren Wohnung leben müssen.
Wenn die Trauer sie überkam, über den Verlust ihres besten Freundes und intellektuellsten, und beinahe einzigen, Gesprächspartners, dann halfen oft nur Tränen.
Julia dachte daran, eine Trauerbewältigungstherapie zu machen, doch verwarf sie diesen Plan schnell wieder, denn sie sah in so etwas einfach keinen Sinn.
Sie versuchte es mit Sport, laufen und schwimmen, aber weder das eine noch das andere war das Richtige für sie. Sie vermutete, dass es daran lag, dass sie gezwungen war, den Sport alleine auszuüben, denn sämtliche Freundinnen, die sie gefragt hatte, ob sie mit ihr laufen oder schwimmen gehen wollten, hatten ihr abgesagt. Gerade hochschwanger, Sonnenallergie, permanente Regelschmerzen und Kater lauteten die Begründungen.
Beim Aufräumen ihres Kellers fielen Julia die Wasserpfeife und ein kleines Pfeifchen aus ihren Studienzeiten in die Hände. Sie lachte, als sie diese Utensilien zur Bedröhnung sah, doch bald erstarb ihr Lachen und sie fragte sich, ob sie auf die Hilfe von Drogen setzen sollte, um ihre Trauer loszuwerden.
Von siebzehn bis fünfundzwanzig war sie nämlich eine große Kifferin gewesen. Sie hatte jeden Tag mindestens zweimal die Wasserpfeife angeworfen, denn Julia, die nie Zigaretten gedreht oder geraucht hatte, hatte schlicht die Fingerfertigkeit gefehlt, um sich ein Tütchen zu drehen. Georg war dem Kiffen abgeneigt gewesen, denn ihm war davon stets übel geworden.
Kurzentschlossen trug sie die Wasserpfeife hinauf in ihre Wohnung und ging in einen nahe gelegenen Park, wo sie nicht lange zu warten brauchte, bis ihr Gras angeboten und verkauft wurde. Dann besorgte sie sich spezielle Kohle, nämlich die, die aus gepresstem Kohlestaub zu bestehen scheint und bei unsachgemäßer Handhabung hässliche Brandflecken auf Teppichen hinterlässt, und legte los.
Wie sie in ihrer Wohnung saß, benebelt und traurig, denn sie dachte wieder an Georg, kam unserer Julia der Gedanke, es doch mal mit kiffen in Gesellschaft zu versuchen. Am Abend dieses Tages ging sie in ein Lokal, das von jungen Menschen gerne aufgesucht wurde, um sich dort zu betrinken und ein paar Tüten herumgehen zu lassen, denn der Wirt sah das alles nicht so eng.
Julia setzte sich an einen Tisch, vier Mädchen und drei Jungs saßen dort, alle siebzehn Jahre alt, und bat, man möge ihr doch einen Joint drehen, denn sie selbst konnte das nicht. Ein Mädchen tat ihr diesen Gefallen und Julia ließ die jungen Leute an ihrer Tüte ziehen.
Alsbald war sie in die Runde integriert und lauschte interessiert dem Gespräch am Tisch. Da sie über weit mehr an Lebenserfahrung verfügte, glaubte sie anfangs, bei allen Themen locker mitreden zu können, doch dem war nicht so. Eigentlich hätte sie mitreden können, doch war sie so verblüfft über die Themen, die die Jugendlichen anrissen, dass sie einfach keine Worte fand.
Diese sprachen über Quickies, Alkopops und deren Wirkung hinsichtlich Magenentleerung bei Übergenuss, amerikanische Basketballschuhe, die Käsefüße züchten waren ein Thema, wie auch Theoretisches bezüglich der Länge von Techno-Songs.
Julia wusste nicht, ob sie über die unbedarfte Oberflächlichkeit der jungen Menschen amüsiert sein sollte, oder doch entsetzt.
Wieder zu Hause, vor dem Fernseher, fiel es Julia erst gar nicht auf, dass sie einmal, zum ersten Mal, nicht an Georg dachte, sondern an die Teenager von vorhin. Sie nahm sich vor, am nächsten Abend wieder in diese Bar zu gehen.
Unterm Tag saß sie in ihrer Wohnung, dachte an die Jugendlichen und auch an Georg, und als es dämmerte, ging sie los.
Die jungen Leute waren wieder dort, sogar am selben Tisch, und nachdem Julia ihren Joint gedreht bekommen hatte, erzählte sie, ein Mädchen hatte sie dazu aufgefordert, von sich und ließ auch die Sache mit Georg nicht aus.
Schweigen am Tisch. Niemand sagte etwas, die Jungen waren einfach überfordert mit den Informationen, die sie eben von Julia erhalten hatten. Ein Mädchen war sehr traurig geworden, hatte Tränen in den Augen, eine kullerte eine Wange hinab und hinterließ nicht bloß eine glänzende Spur auf dieser, sondern auch einen dunkelgrünen Fleck auf dem billigen hellgrünen Tischtuch.
Nach mehreren Minuten des Schweigens erzählte einer der Jungs einen zotigen Witz und alle lachten, die gute Stimmung der Teenager war zurückgekehrt.
Julias Stimmung, obgleich sie auch gelacht hatte, jedoch war mies. Das Erzählen der Geschichte mit Georg hatte sie wieder zurückgeworfen in den Sumpf aus Verlust und Traurigkeit. Sie bezahlte ihre Rechnung, wünschte den Jugendlichen am Tisch alles Gute für die Zukunft und ging spazieren.
Es wurde ein langer Spaziergang, und als sie weit nach Mitternacht heimkam, ließ sie sich, angezogen und sogar noch beschuht, auf ihr Bett fallen. Sie war müde, vom Joint, den drei Gläsern Bier in der Bar und dem Spaziergang, doch konnte sie keinen Schlaf finden. Ihr Herz rast wie verrückt und Gedanken prasselten auf sie ein, wie die Wassermassen eines starken Regens, die beinahe gelatinös wirken.
Georg, die Oberflächlickeit der Jugendlichen, Georg, die Frage nach der Wiederaufnahme ihrer Arbeit, wieder Georg, die hoffentlich abgeschlossene Wohnungstüre, Georg, ob ein weiteres Bier beim Einschlafen hilfreich sein würde, Georg, Georg, Trauer, das Vermissen der Gespräche mit ihm, Georg, der Sex mit ihm, er, das Kuscheln mit ihm, Georg.
Julia hielt dieses Karussell der Gedanken nicht länger aus. Sie zwang sich zu ruhigem Atemholen, und langsam wurde es besser.
Georg, Einsamkeit, die immer noch nicht abgestreiften Schuhe, Georg, das Wiedersehen mit Georg.
Julia atmete tief ein, um die Raserei ihres Herzens loszuwerden, und atmete tiefer aus. Im nächsten Augenblick war unsere Julia wieder bei ihrem Georg.

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