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Freitag, 7. Oktober 2016

Maria





Maria ist eine Frau von vierundneunzig Jahren, welche allesamt hart waren.
Als einziges Kind zweier Kleinhäusler war sie in einem ärmlichen Haus am Rande des Dorfes Blauwitz zur Welt gebracht worden. Ihr Vater war ein Schuster gewesen, jedoch hatte er sich dem Trunk ergeben und entsprechend wenige Aufträge erhalten, die mit der nachlassenden Qualität seiner Arbeit weiter abnahmen, bis er die Ahle ganz weglegte und nur noch trank.
Marias Mutter hatte diesen Umstand hingenommen, denn ihr Angetrauter gehörte nicht der Kategorie von Männern an, die, wenn sie getrunken hatten, polterten oder gar gewalttätig wurden. Sie führte eine kleine Gastwirtschaft, kochte und servierte in Personalunion. Es waren einfache Leute, die bei ihr einkehrten, also gab es einfache Speisen und billigen Wein. Oft kam es vor, dass ein Gast für seine Konsumation nicht aufkommen konnte - die Wirtin nahm dies mit Gleichmut hin, beim nächsten Besuch würde die Rechnung beglichen werden.
Auf Bildung wurde bei Maria kein Wert gelegt. Ihre Mutter lernte sie in der Küche an, sobald das Mädchen alt genug war, kleine helfende Tätigkeiten zu verrichten. Sie stellte sich geschickt an, und bald durfte sie verantwortungsvollere Arbeiten ausführen, wie das Schneiden von Schweinefleisch und das Abschuppen und Ausnehmen von Karpfen, die in einem kleinen Tümpel hinter der Gastwirtschaft ihr schlammiges Dasein fristeten.
Marias Vater starb den Alkoholtod, als sie zwölf Jahre alt war, doch das Gefühl, einen wirklichen Verlust erlitten zu haben, hatte weder sie noch ihre Mutter. Einen neuen Mann nahm ihre Mutter nicht, auch Liebschaften hielt sie sich vom Leibe und oftmals ermahnte sie ihre Tochter, sich den Mann genau anzusehen und weise auszuwählen, mit dem sie ihre Zeit zu verbringen gedachte.
Maria wuchs zu seiner hübsch anzusehenden Frau heran, doch fand sie sich lange Zeit keinen Gefährten. Zahlreiche Avancen wurden ihr gemacht, doch ließ sie sich nicht auf Liaisons ein - zu geringes Interesse hatte sie an den oft grobschlächtigen Knechten und Bauernburschen. Auch hätte sie nicht die Zeit gehabt, sich mit ihnen abzugeben: an den Vormittagen bereitete sie die Speisen vor, und nachdem der letzte Gast gegangen war, musste sie die Küche reinigen und die Gaststube wieder in ihr gewohntes Erscheinungsbild versetzen.
Dann kam der Krieg und die Annäherungsversuche blieben aus. Viele der jungen Männer aus Blauwitz endeten in den Schützengräben und Marias Gasthaus, das sie von ihrer Mutter übernommen hatte, lief schlecht in dieser Zeit.
Nachdem der Krieg geendet hatte, geriet Maria an Franz, einen Metzger in ihrem Alter, der an der Front den linken Arm verloren hatte. Er quartierte sich bei ihr ein, ohne einer geldbringenden Tätigkeit nachzugehen. Dieser Umstand bot oftmals den Anlass für Streit - und eines Tages warf Maria Franz aus dem Haus.
Wütend ob seiner Delogierung verließ er Blauwitz und zog nach Wien, wo er drei Jahre später sterben musste. In einem übel beleumundeten Gasthaus war er in einen Raufhandel geraten und, wie Maria erfuhr, wie ein toller Hund erschlagen worden.
Bevor er Marias Haus verlassen hatte, hatte er noch das gesamte Geld aus der Kasse des Wirtshauses genommen - doch das Wertvollste hatte er zurückgelassen.
Hierbei handelt es sich um Peter, der in Maria heranwuchs und von dessen Existenz Franz nie erfahren sollte.
Ihr Sohn sollte es besser haben als sie, beschloss Maria. Sie erzog ihn mit Liebe, ließ ihm alle Freiheiten und zwang ihn zu nichts. Er musste nicht im Gasthaus helfen, stattdessen traf er sich mit Freunden und trieb Schabernack, den ihm seine Mutter stets augenzwinkernd durchgehen ließ.
Er lernte gut und so war es nicht verwunderlich, dass er das Gymnasium mit den besten Noten abschloss. Er ging nach Graz um Medizin zu studieren - auch sein Studium schloss er in der Mindestzeit ab und wurde ein berühmter Chirurg.
Maria hatte seinen beruflichen Werdegang stets mit Stolz und großem Wohlwollen verfolgt - sie hatte es ihm sogar nachgesehen, dass er der Beisetzung seiner Großmutter ferngeblieben war, er hatte, wie er sagte, Wichtigeres zu tun.
Maria war ihm eine gute Mutter gewesen, mit ihr hatte er über alles sprechen können: Geldsorgen, die sie für ihn löste, indem sie einen Kredit auf ihr Häuschen aufnahm; Probleme mit der Liebe, bei welchen sie ihm trotz ihrer bescheidenen Erfahrung auf diesem Gebiet beistand, so gut sie eben konnte.
Peter nahm ihre Hilfe gerne in Anspruch, auch wenn er kein großes Interesse an der Befindlichkeit seiner Mutter an den Tag legte. Wann immer Maria sich unwohl fühlte und mit ihm sprechen wollte, da sie ansonsten keine sozialen Kontakte pflegte, verweigerte er sich. Mit ihren Gästen persönliche Gespräche zu führen lehnte sie ab. Bereits ihre Mutter hatte sie vor allzu großer Nähe und Vertrautheit zwischen Wirtsleuten und Gästen gewarnt - diese Art der Fraternisierung würde bloß Probleme hervorrufen: beim Bezahlen beispielsweise, oder beim Anschreiben, wenn keine Bezahlung erfolgen konnte.
Nun liegt unsere Maria in ihrem Bett, es ist kurz nach Mittag, und denkt über ihr Leben nach. Ihr Haus ist leer, die Gastwirtschaft hat sie vor vielen Jahren aufgegeben, und sie ist krank und einsam. Der Krebs in ihrem Magen hat sie vollständig ausgezehrt - und sie wünscht sich nichts sehnlicher als noch ein letztes Mal mit einem Menschen zu sprechen.
Mit ihrem Sohn Peter.
Sie ruft ihn an und teilt ihm mit, dass sie bald sterben wird, sehr bald schon, und bittet ihn um einen Besuch, denn sein letzter liegt vier Monate zurück.
Peter erklärt ihr kurz angebunden, dass er auf dem Golfplatz steht und keine Zeit hat, denn er ist gerade dabei, die Partie für sich zu entscheiden - dann beendet er das Gespräch.
Ausgestattet mit dem Wissen um die Wichtigkeit einer Partie Golf schließt Maria ihre Augen und stirbt so einsam, wie sie gelebt hat.

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