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Montag, 10. Oktober 2016

Neues Wiener Wohnen (Auszug)

Auszug aus einem nie geschriebenen Stück




Gruber (lacht): Die Stadt Wien ist doch nicht gierig, meine Herren.

Ponisch: Genau! Wie sieht es mit euren leerstehenden Wohnungen denn nun aus?

Gruber: Davon gibt es tausende, doch die Situation ist verfahren.

Möstl: Was soll das heißen? Die Sachlage ist doch simpel: ihr, die Stadt, habt zu viele leere Wohnungen, und der Kollege Ponisch und ich haben zu viel Geld.

Ponisch: Und mit diesem Geld würden wir der wunderschönen Stadt Wien gerne helfen.

Möstl: Damit sie noch schöner wird, wohlgemerkt.

Gruber: Ihr stellt euch das so einfach vor, doch das ist es nicht. Der soziale Wohnbau-

Möstl (fällt Gruber ins Wort): Sozial! Ich kann das Wort nicht mehr hören! Ihr seid ebenso versessen auf Geld wie jeder einzelne Hausbesitzer. Also bitte, komm mir nicht mit sozial!

Ponisch: Wenn hier jemand sozial ist, dann doch wohl Kollege Ponisch und ich.

Möstl (zu Gruber): Aus welchem Grund, glaubst du, lassen wir so viele unserer Wohnungen leerstehen?

Gruber: Ihr lasst sie leerstehen, um eine Wohnungknappheit herbeireden zu können. Dadurch steigen die Preise und ihr könnt eure Immobilien noch teurer verkaufen oder vermieten.

Ponisch: Ja, genau! Wir achten eben aufeinander. Da siehst du, wie sozial wir sind!

Möstl (lacht): In diesem Zusammenhang gefällt mir das Wort sozial bei Weitem besser!

Gruber: Egal. Jedenfalls: was ihr von mir verlangt, kann ich unmöglich machen.
Ponisch: Wo ist das Problem?

Gruber (ungehalten): Das Problem ist die derzeitige politische Großwetterlage, Alfred. Das solltest du eigentlich wissen!

Möstl: Man müsste die Wetterlage eben verändern, dann geht das schon durch.

Gruber: Und die Medien? Die würden uns an den Pranger stellen.

Ponisch: Nicht, wenn die Stadt Wien mehr Inserate schaltet.

Gruber: Die kosten aber viel Geld!

Möstl (zu Ponisch, nachdenklich): Das Geld könnte von uns kommen.

Ponisch: Wenn das ganze nicht an die Öffentlichkeit dringt, wäre das kein Problem.

Gruber: Das lässt sich nicht argumentieren, Alfred. Ich kann euch die leeren Wohnungen einfach nicht zuschanzen.

Möstl: Alle würden daran verdienen, auch du, Peter.

Gruber: Alle, bis auf die vielen Menschen, die eine Gemeindewohnung benötigen.

Ponisch (simuliert Gähnen): Und weiter? Wen interessieren die?

Möstl (zu Gruber): Ich dachte, wir würden hier über das Geschäft sprechen, und nicht über Sozialfälle.

Gruber: Ich fürchte, wir werden dieses Thema aber nicht so einfach ausklammern können.

Ponisch: Wir könnten eine Firma gründen, die sich um die leerstehenden Wohnungen kümmert.

Möstl: Moment! (überlegt einige Sekunden) Es wäre doch überlegenswert, ganze Gemeindebauten freizumachen.

Gruber (blickt Möstl entgeistert an): Was meinst du damit?

Möstl: Das ist doch ganz einfach. Die Leute, die zur Zeit in Gemeindebauten leben, sollen in andere Wohnungen ziehen. So werden nach und nach die Bauten frei und können optimal genutzt werden.

Ponisch: Die Idee ist gut.

Gruber (springt auf): Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?

Ponisch (zu Möstl): Was, wenn sie nicht freiwillig umziehen?

Möstl: Dann muss unser Freund hier (deutet auf Gruber) eben sanften Druck ausüben. Sein Schaden soll es nicht sein.





Neues Wiener Wohnen / Exposé


Das Stück ‘Neues Wiener Wohnen’ spielt in einem Besprechungsaum. Anwesend sind der Wiener Wohnbaustadtrat Peter Gruber und die beiden Immobilienhaie Walter Möstl und Alfred Ponisch. Diese wollen ihren Bekannten, den Politiker, dazu bewegen, ihnen leerstehende Gemeindewohnungen zuzuschanzen, die sie renovieren und teuer vermieten oder verkaufen möchten. Sie spielen mehrere Szenarien durch, wie sie an ihr Ziel kommen könnten. Dabei tritt die menschenverachtende und gierige Wesenart der beiden zutage. Anfangs weigert sich der Politiker, ihren Wünschen zu entsprechen, doch nachdem ihm eine große Summe Geld in Aussicht gestellt wird, sagte er zu. Er versucht zwar, sich den Anschein eines sozial denkenden Menschen zu geben, doch letztlich obsiegt seine Gier. Aufgrund der politischen Konstellation in Wien einigen sich die drei Männer am Ende des Gesprächs, ihren Plan nach den nächsten Gemeinderatswahlen in die Tat umzusetzen, denn die Partei des Stadtrates rechnet sich beste Chancen auf die absolute Mehrheit aus.
Das Stück wird deutlich aufzeigen, wie das Schicksal von Menschen in der heutigen Zeit dem Willen einiger Weniger ausgeliefert ist. Das Thema Leerstand wird darin zweifach aufgegriffen: zum einen, da es sich um leerstehende Wohnungen handelt, die Möstls und Ponischs Gier geweckt haben. Zum anderen wird herausgearbeitet, dass alle drei Männer emotional völlig leer sind. Für Geld sind sie sogar bereit, sozial Schwachgestellte und junge Familien aus ihren Wohnungen zu werfen. An die Jugend, weder die von heute noch die von morgen, verschwenden sie keinen Gedanken. Es ist ihnen gleichgültig, dass das Wohnen immer teurer werden wird und dass junge Menschen sich keine Wohnung mehr werden leisten können.
Auf die Nennung von bestimmten politischen Parteien wird in diesem Stück verzichtet, denn es soll zwar politik- und gesellschaftskritisch sein, aber nicht für oder gegen eine Partei Stellung beziehen.
Und der Sinn dieses Stücks? Es soll, abgesehen von deutlicher Kritik an derzeit vorherrschenden Zuständen, junge Menschen zur Erkenntnis bringen, dass man den Verführungen des Geldes nur allzu leicht erliegen kann und seine Mitmenschlichkeit verliert. Darüberhinaus soll jungen Menschen Mut machen, selbst einen kritischen Blick auf Entscheidungen zu werfen, die in ihrer Jugend getroffen werden (natürlich ohne dass sie um Rat gefragt worden wären) und die ihre Zukunft nachhaltig beeinflussen könnten.

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