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Montag, 10. Oktober 2016

Sechs letzte Worte





Manuel K., Schüler, 16 Jahre; Tabletten


Lieber Papa, Liebe Mama, Liebe Lisa


Es tut mir soo leid, dass ich euch das antue, aber ich halte das alles nicht mehr aus! Jetzt haben sie mich auch beim Facebook zu mobben angefangen. Dabei kann ich doch nichts dafür, dass ich so ausschaue. Der Opa war ja auch dick.


Ich weiß nicht mehr weiter. Ich finde keine Freundin und der Papa und die Mama schlagen mich immer, wenn ich einen Fünfer nach Hause bringe. Warum tut ihr das?


Ich wünsche euch trotzdem nur Gutes und dass Lisa es schafft mit ihrem Keyboardspielen.


Hoffentlich wirken die Tabletten schnell. Ich will nur noch weg von da.


                                        Manuel


Günter F., Gastwirt in Ruhe, 72 Jahre; Kopfschuss (Doppelsuizid)


An meine Kinder und Enkerln!


Ich habe die Oma erschossen. Sie hat mich gebeten, das zu tun, denn sie war sehr krank und wollte nicht mehr leiden. Glaubt mir bitte, es war wirklich ihr Wunsch!


Und jetzt sehe ich keinen Sinn mehr. Ins Gefängnis will ich nicht, und dorthin würden sie mich stecken.


Ich werde auch Schluss machen. Ohne die Edeltraud habe ich keinen Sinn mehr in meinem Leben.


Führt mein Gasthaus in meinem Sinn weiter. Lasst die Leute nicht zu viel anschreiben und schaut darauf, dass die Klosetts immer sauber sind.


Die Enkerln sollen was Gescheites lernen, der Manfred ist gut mit dem Holz, also wäre Tischler was für ihn, und die Romana kennt sich gut mit Schminken aus, also vielleicht Frisörin oder Kosmetikerin.


Ich will neben der Oma begraben werden. Das hat auch sie so gewollt, bevor ich sie erlöst habe.


                                         Euer Opa

Claudia M., Studentin, 23 Jahre; Pulsadern


Liebe Eltern, Lieber Bruder, Liebe Großeltern.
Liebe Scheißwelt!


Es tut mir nicht leid! Endlich bin ich frei.


Die Psychologin auf der Uni konnte mir nicht mehr helfen und so habe ich mich entschlossen, diesen Schritt zu setzen.


Das Ende meiner Kurzzeit-Beziehung zu Julia hat mir den Rest gegeben. Warum will sie mich nicht mehr?


Und dann das ständige Schneiden. Oft habe ich mich gefragt, ob ich noch genug Blut in mir habe für meine Menstruation. Und es hat nicht aufgehört! Wie kann man als Mensch noch in dieser Scheißwelt existieren...


Ich jedenfalls kann es nicht mehr! Freut euch für mich!


Wenigstens ihr habt mich noch gewollt, und dafür danke ich euch.


Und sagt Julia, sie soll nicht zu meiner Beerdigung kommen!


                              Claudia, endlich frei!


Erwin P., Politiker, 47 Jahre; Schienensuizid


To whom it may concern!


Ich habe mich zu diesem finalen Schritt entschlossen, um ein Zeichen zu setzen.
Aus diesem Grund mein öffentlicher Selbstmord.


Als Politiker ist man ständig gefordert, man muss zu allem eine Meinung haben, die von der Klubführung vorgegeben wird, auch wenn es gar nicht die eigene ist, und man muss diese verteidigen.


Was glaubt ihr, warum der Alkoholkonsum bei Politikern so hoch ist?


Dieses Zerrissenwerden von eigener Meinung und der vorgegebenen lässt mich verzweifeln! Man stellt sich sein Leben frei vor, mit allen Annehmlichkeiten des Politikerlebens, und ist doch nur ein weiterer Lemming im Anzug.
Lasst die Menschen in der Politik zum Wohle des Landes arbeiten, nicht nur zum Wohle der eigenen Partei!


Ich entschuldige mich bei meinen Wählern und bei meinen Angehörigen!


                                 Erwin P.


Dorothea W., Verkäuferin, 52 Jahre; Autoabgase


Lieber Hugo! Liebe Mama!


Ich will nicht mehr. Seitdem sie mich gezwungen haben, in der Handtuchabteilung zu arbeiten, hat mein Leben noch weniger Sinn! Ständig den Menschen erklären zu müssen, warum es besser ist, sich den Hintern mit einem unserer Handtücher abzutrocknen, das kann doch kein Leben sein!
Und andere Chance sehe ich keine.


Lieber Hugo, sei mir nicht gram! Wir treffen und im nächsten Leben und dann langweile ich dich bestimmt nicht mehr mit Geschichten aus dem Kaufhaus. Und ich koche dann auch nur mehr das, was dir wirklich schmeckt. Also jeden Tag Schnitzel. :-)


Kümmere dich bitte um Mama und sag ihr, dass ich sie lieb gehabt habe.


                          Ich liebe euch!


                                    Dorli

Pavel S., Arbeits- und Obdachloser, 58 Jahre; Erhängen

Du verdammte Welt!


Du hast mir nur Unglück gebracht! Das hast du jetzt davon! Ich will nicht mehr in dir leben!


Macht es gut, billiger Schnaps und noch billigere Mädchen! Ich schleiche mich.


Ach ja, wenn ich dem Teufel begegne, schick ich ihn zu euch.


Nur eine Bitte habe ich: passt mir auf meine schöne Brücke auf. Die, die zur Donauinsel führt.


Und wenn ihr die Jennifer seht, gebt ihr das Brennen zurück.


                             Pavel
(2013)



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