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Montag, 10. Oktober 2016

TelefOnOff





Donnerstag, 17.02 Uhr, T ruft an

M: Was ist denn nun schon wieder?
T: Hast du dir den Song angehört, den ich dir geschickt habe?
M: Ja, das habe ich.
T: Und?
M: Was, und?
T: Was sagst du dazu?
M: Kein sehr freudvoller Song.
T: Ich weiß.
M: Also, warum rufst du an?
T: Ach, bloß so. Ich wollte hören, wie er dir gefallen hat.
M: Wer?
T: Der Song!
M: Ja, stimmt, der Song. Na ja, traurig halt. Warum hast du ihn mir geschickt?
T: Bloß so.
M: T?
T: Ja.
M: Warum?
T: Wie ich sagte, bloß so.
M: Willst du mir etwas sagen?
T: Nein, da gibt es eigentlich nichts.
M: Geht es um die Botschaft, die dieser Song transportiert? Drückt dieser Song etwa aus, wie es dir zur Zeit geht?
T: Nein, eigentlich nicht.
M: Eigentlich? Also irgendwie doch.
T: Nein, das tut er nicht.
M: Was ist dann los? Ich bin nämlich beschäftigt!
T: Ach, nichts. Machs gut.
M: Du auch. Bis bald.


Donnerstag, 17.16 Uhr, M ruft an

M: Das mit dem Song hat mir keine Ruhe gelassen.
T: Ach?
M: Ja. Ich habe im Internet recherchiert und mir den Songtext heruntergeladen.
T: Und? Gefällt dir der Text?
M: Ich zitiere: ‘Dies scheint der einzige Weg zu sein - Bald werde ich gegangen sein’. Um ehrlich zu sein: Nein! Dieser Text gefällt mir überhaupt nicht! Ich finde ihn furchtbar.
T: Also, mir gefällt er gut.
M: Warum wolltest du unbedingt, dass ich mir dieses, ich kann es nicht anders ausdrücken, Machwerk zu Gemüte führe?
T: Ach, bloß so. Weil ich spontan Lust hatte, diesen Song zu hören. Und ich dachte mir, du solltest ihn dir auch anhören.
M: Sag, T, geht es dir gut?
T: Na ja, eigentlich schon.
M: Was heißt ‘eigentlich’? Du hast dieses Wort bereits vor einer Viertelstunde gebraucht.
T: Das bedeutet gar nichts.
M: Ich weiß nicht so recht. ‘Eigentlich’ gibt es nichts, was du mir sagen willst, ‘eigentlich’ geht es dir gut. Das sind mir ein paar ‘eigentlich’ zu viel.
T: Findest du?
M: Ja, finde ich! Diese ‘eigentlich’ und das, wovon der Songtext handelt, zwingen mich, dir eine Frage zu stellen.
T: Schieß los!
M: Was ist los?
T: Eigentlich nichts.
M: Also, wenn du nicht sagen willst, was los ist...
T: Können vor wollen!
M: Versuch es wenigstens.
T: Es ist nicht alles so gut, wie es sein sollte.
M: Was ist nicht so gut?
T: Eigentlich...
M: Eigentlich?
T: Eigentlich nichts. Nichts ist so gut.
M: Hat sie dir wieder einmal den Laufpass gegeben?
T: Eigentlich nicht. Nicht direkt.
M: Wie dann? Indirekt vielleicht?
T: Na ja, sie hat mich rausgeworfen.
M: Also sehr direkt, das Ganze.
T: Na ja, eigentlich schon.
M: Und was machst du jetzt?
T: Ich rede mit dir.
M: Wirklich? Darauf wäre ich jetzt gar nicht gekommen! Ich meine: was wirst du machen, wo schlafen, essen und duschen?
T: Ich finde schon was.
M: Mitten im Winter?
T: Kälte macht mir nichts aus.
M: In der Nacht vielleicht schon. Unter den Brücken dieser Stadt pflegt es kalt zu sein.
T: Ich besitze ein Feuerzeug.
M: Um damit einen Altpapiercontainer in Brand zu stecken?
T: Zum Beispiel.
M: Vergiss den Blödsinn! Willst du bei mir auf dem Sofa schlafen?
T: Schlafen, schlafen... Ich möchte schlafen, sehr lange schlafen. Und gut, endlich gut.
M: Weißt du noch, wo ich wohne?
T: Ja, klar.
M: Dann komm vorbei!
T: Meinst du das ernst?
M: Ja, sicher. A ist auf Dienstreise. Du kannst bei mir duschen und im Wohnzimmer schlafen. Und morgen ist ein neuer Tag.
T: Wirklich?
M: Ja, eigentlich schon.
T: Sehr witzig!
M: Wann kannst du bei mir sein?
T: In etwa einer halben Stunde.
M: Gut. Ich kühle Bier ein und wenn du da bist, bestellen wir uns eine Pizza.
T: Bis bald dann.
M: Ich erwarte dich.


Donnerstag, 19.47 Uhr, M ruft an

M: Was ist los, T?
T: Was soll los sein?
M: Ich warte auf dich!
T: Wirklich?
M: Ja, wirklich. Sag, wo bist du?
T: Ich bin im Freien.
M: Dass du nicht in der Suite eines Luxushotels bist, ist mir klar. Wo bist du?
T: Ich bin ein wenig in der Stadt herumgewandert.
M: Was ist denn los mit dir?
T: Gar nichts. Ich wandere eben gerne durch die Stadt.
M: Wo genau bist du jetzt? Ich hole dich ab.
T: Ich weiß selbst nicht so genau, wo ich gerade bin.
M: Erzähl mir keine Märchen! Du kennst die Stadt doch wie deine Westentasche.
T: Ich bin beim Museum.
M: Bei welchem Museum?
T: Bei dem, wo das moderne Zeug drin ist.
M: Ich verstehe. Bleib dort!
T: Warum soll ich dableiben? Mir wird kalt, wenn ich mich nicht bewege.
M: Dann mach ein paar Kniebeugen, da, wo du jetzt stehst. Oder ein paar Liegestütze.
T: Kommst du mich wirklich abholen?
M: Ja. Ich bin in fünfzehn Minuten bei dir. Versprichst du mir, dass du nicht wegläufst?
T: Ja, natürlich.
M: Also dann bis bald. Und bleib dort!


Donnerstag, 20.08 Uhr, M ruft an

M: Sag, willst du mich verarschen?
T: Nein. Warum?
M: Wo bist du Idiot?
T: Ich bin ein wenig spazieren gegangen.
M: Das habe ich mir schon gedacht. Danke trotzdem für die Information!
T: Mir ist kalt geworden und da bin ich losgegangen.
M: Wie lange brauchst du, bis du wieder hier bist?
T: Ich fürchte, wir werden einander nicht mehr sehen.
M: Was meinst du nun schon wieder?
T: Ich bin am anderen Ende der Stadt.
M: Du willst mich wirklich verarschen!
T: Nein! Ehrlich nicht.
M: Was soll dein Verhalten dann?
T: Ich wollte mir über einige Sachen klar werden.
M: Indem du im Schweinsgalopp ans Ende der Stadt rennst?
T: Nein, gerannt bin ich nicht. Ich bin mit dem Taxi gefahren.
M: Ah, der feine Herr fährt mit dem Taxi durch die ganze Stadt! Wie hast du den Taxifahrer denn bezahlt?
T: Ich habe ihn nicht bezahlt.
M: Wie bitte?
T: Ich bin an einer Kreuzung rausgesprungen und weggerannt.
M: Du bist wirklich nicht ganz dicht!
T: Jedenfalls...
M: Nein! Du sagst mir jetzt auf der Stelle, was mit dir los ist!
T: Eigentlich nichts.
M: Weißt du was?
T: Was soll ich wissen?
M: Ich lasse mich nicht von dir verarschen!
T: Also, eigentlich...
M: Nein! Nicht ‘eigentlich’! Ich fahre jetzt nach Hause. Wenn du noch bei mir schlafen willst, komm vorbei. Wenn nicht, sieh zu, wo du bleibst!


Donnerstag, 22.59 Uhr, T ruft an

T: M, ich möchte dir erzählen, was los ist.
M: Ach T, ich habe schon geschlafen!
T: Brüh dir einen Espresso und rauch eine Zigarette. Ist es in Ordnung, wenn ich dich in zehn Minuten nochmal anrufe?
M: Ja, ruf nochmal an.


Donnerstag, 23.12 Uhr, T ruft an

T: Bist du wach?
M: Ja, einigermaßen.
T: Also. Was los ist: Nachdem ich heute auf die Straße gesetzt worden war, habe ich mich in ein Gasthaus gesetzt.
M: Ich habe nichts anderes erwartet.
T: Ja. Und als ich da saß und ein Bier trank, danach ein zweites, dann ein drittes, bin ich ins Grübeln gekommen.
M: Du hast also gesoffen und bist ins Grübeln gekommen. Gut. Und zu welchem Ergebnis hat deine Grübelei geführt?
T: Dass ich gehen werde.
M: Gehen. Soso. Wohin denn? In ein Obdachlosenasyl?
T: Nein, in so was würde ich nie gehen!
M: Wohin dann?
T: Weg.
M: In ein anderes Land vielleicht?
T: Nein. Ich werde weggehen. Einfach weg.
M: T?
T: Ja?
M: Du machst mir Angst!
T: Warum?
M: Du sprichst offenbar davon, dass du dir was antun willst.
T: Antun. Was für ein hässliches Wort!
M: Sag, warum bist du so vergnügt?
T: Weil jetzt alles klar ist.
M: Was ist klar?
T: Mir ist endlich klargeworden, dass es bloß einen kleinen Schritt braucht, und alle Probleme sind gelöst.
M: Schwachsinn! Nichts ist durch so was gelöst!
T: Doch! Alles ist gelöst.
M: Das bedeutet, dass du feige wegrennen willst.
T: Warum feige?
M: Weil du, anstatt dich den Problemen zu stellen, vor ihnen davonläufst!
T: Aber gelöst sind sie dann allemal!
M: Du Idiot! Reiß dich zusammen! Wenigstens ein einziges Mal!
T: Ich reiße mich ja zusammen!
M: Nein, das tust du nicht! Du bist ein Feigling! Das warst du schon immer!
T: Ich finde nicht, dass ich ein Feigling bin. So eine Tat erfordert durchaus Mut.
M: Reiß dich zusammen! Komm bei mir vorbei! Dann trinken wir ein Bier und reden über Frauen und Fußball.
T: M, machs gut!
M: Du auch, du Idiot. Was auch immer du machst.


Freitag, 00.23 Uhr, M ruft an

M: T?
T: Gute Nacht! Sie sind verbunden mit der Mobilbox von T. Gott sei Dank kann ich ihre Stimme nicht mehr hören. Ich habe diese Welt nämlich verlassen. Sie können meinen Kadaver unten beim Museum, wo das moderne Zeug drin ist, bewundern. Ich sehe und höre sie im nächsten Leben. Bis dahin machen sie es gut, was auch immer sie machen. Herzlichst, Ihr T!
M: Scheiße!

(2013)

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