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Montag, 10. Oktober 2016

Unendliche Sehnsucht


Letztakter in einem Zug


Ein Raum, in der Mitte ein Tisch, auf diesem mehrere Flaschen, zwei stehen, die übrigen, als Zeichen ihrer Leere, liegen auf dem Tisch, zwei Gläser, zwei Männer sitzen sich gegenüber.


Freund: Das Gespräch wird sich schwierig gestalten, wenn du den Lauf nicht aus deinem Mund nimmst!


Mann: Der Lauf symbolisiert die einzige, die höchste Wahrheit. Was aus ihm kommt, ist entweder nichts oder es bringt das Nichts.


Freund: Schöne Aussichten. Ist es das wert?


Mann: Das Wertvollste innerhalb der allgemeinen Wertlosigkeit. Eine Entscheidung des Schicksals. Alles oder gar nichts mehr.


Freund: Überlassen einem Objekt, wie einer Waffe... In unseren modernen Zeiten, wie archaisch. Und zugleich theatralisch.


Mann: Die Zeiten mögen modern sein für diese Welt und die auf diesem Planeten existierenden oder vegetierenden Menschen. Doch schrecklich unmodern sind sie auch. Die Erde wird beherrscht von einer kleinen Gruppe Menschen, das Gros der Menschheit darf existieren, wird durchgefüttert wie Tiere, die man sich eben hält, weil man sie essen möchte oder weil sie andere Produkte hergeben, die man zu Geld machen kann, aber man gibt ihnen nur so viel, wie sie zum Überleben brauchen, nicht zum Leben.


Freund: Das mag stimmen, aber glaubst du, dein märtyrerhaftes Handeln wird eine Besserung der allgemeinen Lage bringen?
Mann: Jeder Mensch hat Anlagen, gute und schlechte. Ein guter Mensch, wer seine dazu einsetzt, eine Verbesserung der Situation, auch in Hinblick auf eine Verbesserung der Situation für andere herbeizuführen. Sei es nun durch Taten oder durch Worte, welchen Taten folgen. Ein schlechter Mensch hingegen, der versucht was abzugreifen vom Trog der anderen, der nur den eigenen Vorteil, das eigene Heil im Sinn hat. Jeder ist zum Handeln verpflichtet, jeder auf seine Art und Weise. Einige können nicht anders, als den totalen Eskapismus zu wählen, den vollständigen Rückzug aus der Welt.


Freund: Die Frage drängt sich auf, wen du erreichen möchtest? Ich verstehe, dass es Aufmerksamkeit erregt, wenn eine bekannte Person sich entscheidet, den finalen Schritt zu gehen. Alle Welt fragt sich warum, und eventuell gibt es ein zumindest wahrnehmbares Umdenken in den Köpfen einiger Menschen. Aber im vorliegenden Fall? Du bist mittellos, wärst du nicht untergekommen, auch ohne Dach über dem Kopf, und deine Bekanntheit beschränkt sich auf Menschen, die dich vom Trinken kennen.


Mann: Eine Berühmtheit löst durch eine solche Handlung Fassungslosigkeit aus unter ihren Verehrern, im selben Augenblick fragen sich die Menschen, warum sie sich dazu entschlossen hat, sie habe doch ein schönes Leben geführt, mit Geld und allem, was dazugehört. Somit mischt sich in den Schock auch Unverständnis, das war ganz sicher nicht beabsichtigt, der Plan somit vereitelt. Ein Gebrochener hingegen, der sich entschließt zu gehen, bevor ihm von schlechter Gesundheit oder Unfall der Abschied befohlen werden kann, hat nicht zu fürchten, als undankbar empfunden zu werden gegenüber die Gunst der Anhänger, die ihm zu Ruhm verholfen haben, er erfährt Verständnis für seine Entscheidung, in einem Tunnel, welcher nach unten führt, kann kein Licht an dessen Ende ausgemacht werden, die Dunkelheit kann sich nicht in Licht verwandeln. Die Konsequenz daraus stößt auf Verständnis.


Freund: Die Frage, die sich mir stellt, lautet: warum soll der Freitod eines Prominenten anders zu bewerten sein als der eines Versagers? In jedem Falle ist er eine Entscheidung, die Menschliche Schwäche getroffen hat. Auch ein Prominenter hat Freunde, die sicherlich anders darüber denken werden, als du ausgeführt hast, die weitaus betroffener sein werden als Anhänger, die ihn niemals persönlich kennenlernen durften.


Mann: Der Prominente hatte alle Möglichkeiten, seinem Schicksal zu entgehen, auch Freunden und Bekannten muss dies bewusst gewesen sein, unzählige Beispiele belegen dies, in welchen bekannte Personen sich herausziehen konnten. Der geldlich inexistente, einsame Mensch sieht in vielen Fällen keinen Ausweg aus dem Dunkel, als zu gehen, auch stellt dies ein Ende der Belastung dar, die er darstellt für seine Umgebung, sowohl in pekuniärer Hinsicht als auch in mentaler.


Freund: Jeder Mensch auf dieser Welt hat die Möglichkeit, einem solchen Schicksal zu entgehen. So wie sich Schwarz in Weiß verwandeln kann, kann sich auch Dunkelheit in Licht verwandeln. In vielen Fällen bleibt natürlich ein Schatten von Grau zurück, der zugleich auch die reale Farbe der Welt darstellt, dies ist zu akzeptieren. Damit muss der Mensch umgehen können.


Mann: Das Umgehen mit einer grauen Welt stellt eine Lüge dar, die Menschen sich selbst erzählen. Ein die Wahrheit suchendes Individuum wird sich nicht mit grauen Realitäten zufriedengeben, es wird Dogmen verachten, diese Einschränkungen des menschlichen Geistes, diese Unterbindungen des von Natur aus Guten im Menschen, die bloß dazu geschaffen, die Wesen leichter beherrschbar zu machen. Die Akzeptanz des weltlichen Grauschleiers kann dem nach Wahrheit, die nicht zwangsläufig Reinheit beinhalten muss, Suchenden vernichten, es ist keine Hoffnung zu haben, die Welt würde sich ändern.


Freund: Jeder einigermaßen gebildete Mensch weiß, dass dies der Lauf der Welt ist. Dies war immer schon so, und wird sich niemals ändern. Auch noch so viele Freitode, egal, ob von bekannten Personen oder Nichtsnutzen, werden nichts bewirken. Nachdem mir nicht verborgen geblieben ist, dass du die Welt sehr wohl richtig einzuschätzen weißt, frage ich dich direkt, wovor du Angst hast. Vor der Welt wohl kaum, die verachtest du zu sehr. Vor der Armut auch nicht, die kennst du zu gut. Und vor dem Ertrinken schon gar nicht, ich habe sehr wohl bemerkt, dass du, seit wir dieses Gespräch begonnen haben, ein randvolles Glas Schnaps getrunken hast. Also: wovor?


Mann: Die Gründe, die Menschen dazu bringen, sich zu verabschieden, sind ebenso vielfältig, wie die Menschen, die diese Absichten in die Tat umsetzen. In keinem dieser Fälle ist Schaden feststellbar, jeder Erdenbürger hat das Recht, das Datum und die Art seines Gehens zu bestimmen, und jedem, der von diesem Recht Gebrauch gemacht hat, ist zu wünschen, dass es ihm dort, wo er jetzt ist, besser geht, und niemandem ist ein Vorwurf daraus zu machen, diese Entscheidung getroffen zu haben. Angehörige und Freunde dürfen sich nicht zerfleischen mit Vorwürfen an sie selbst, sie sollen sich vielmehr freuen für den Verwandten oder Freund, welcher seinen Frieden gefunden hat.


Freund: Dies ist eine sehr einseitige Sichtweise, wenngleich ich dir recht geben muss, dass man dem Gegangenen seinen Frieden, für den er den höchsten Preis bezahlt hat, gönnen soll. Aber am Anfang stehen bei Personen aus dem engeren Umfeld zweifelsohne Trauer, Wut, Fassungslosigkeit und, im schlimmsten Fall, Selbstvorwürfe. Meine Frage bleibt dieselbe: wovor?


Mann: In dieser Welt gibt es nichts, das keinen Preis hat. Kein Mensch kann etwas erwerben oder loswerden, ohne einen Preis dafür zu bezahlen, den, und das ist die Tragik, er auf keinen Fall selbst bestimmt hat, sondern der ihm von den anderen aufgezwungen wurde. Aufgezwungen von Menschen, deren Preis in ihren Augen die Ultima Ratio ist, die einen Kamm errichten, über welchen alle anderen geschert zu werden haben. Keinem Menschen ist es zu verdenken, den Wunsch zu haben oder, weitergehend, den unbedingten Drang und Willen zu haben, aus diesem System auszubrechen. Ebenso wenig wie jeder Vogel dazu gemacht ist, über weite Strecken zu fliegen, ist jeder Mensch dazu in der Lage, alles auf ihn Einprasselnde zu schlucken, oder sich diesem auszusetzen und sich stigmatisieren zu lassen von der alles wissenden, so genannten funktionierenden Gesellschaft, als krank, als nicht funktionierend, als bestenfalls zu belächelndes Subjekt, und sollte es nicht einmal mehr für diese Sichtweise reichen, als Objekt. Die Angst einer derartigen Stigmatisierung ist verständlicherweise für viele Menschen ein Schwert, über ihren Köpfen hängend, jederzeit bereit, ihnen diese abzuschlagen, jedoch ist dies nur eine Form der Angst. Viele Menschen bekennen sich zu ihren Defiziten, so werden es die Funktionierenden bezeichnen, ohne die Angst zu haben, dass das Bekenntnis ihnen schaden wird. Doch die Angst ist nicht die einzige Gefahr oder das einzige Element, das Menschen dazu treiben kann, sich auszulöschen.


Freund: Welche Gefahren gibt es noch, was kann die Menschen noch dazu treiben, zu gehen? Depressionen? Und bitte, hör auf, mit der Pistole zu spielen! Leg sie bitte auf den Tisch!


Mann: Gefahren gibt es viele für die Menschen, viele reale, aber auch viele eingebildete. Ebenso viele Sehnsüchte gibt es, viele Menschen leiden unter Depressionen, ohne dass ihnen dies unter Umständen selbst bewusst ist, viele wollen sich dieses Faktum nicht eingestehen, schneiden sich selbst dadurch von der Möglichkeit ab, sich Hilfe zu suchen und sie zu bekommen, nur um in den Augen der Funktionierenden als einer von ihnen zu gelten, viele sind einfach von Natur aus eher unglücklich oder unfröhlich veranlagt. Im Prinzip sucht jeder den für sich passenden Ausweg. Für einige ist der einzige, von dieser Erde zu flüchten. Sei es durch Alkohol oder diverse Drogen, sei es durch einen Ortswechsel mit verbundenem Neuanfang des eigenen Lebens, sei es durch Selbstmord. Viele Menschen, die sich unglücklich fühlen, haben Angst davor, dass sich diese Gefühle des Unglücks, der Depression, auch das der Angst selbst, einstellen und versuchen, nur allzu menschlich, sich dem erneuten Auftreten dieser Zustände zu entziehen.


Freund: Du hast zwei große Gläser Schnaps geleert, bitte warte mit dem dritten noch! Um meine Frage zu wiederholen: womit hast du ein Problem, wovor Angst?


Mann: Die Angst ist für viele Menschen beherrschbar. Ein viel größeres Problem ist das Ausgeliefertsein. Du weißt ganz genau, dass diese Gefühle kommen werden, und du kannst nichts dagegen machen, insofern ist es keine Angst, die du vor diesen Gefühlen haben musst, dass sie sich einstellen ist unausweichlich, viel schlimmer ist das Wissen um die Unausweichlichkeit und das Grauen, das dich packt, wenn sie kommen, das Grauen, das du fühlst, weil du weißt, du entkommst ihnen nicht, sie werden da sein, die ganze Zeit, und du bist hilflos, bis sie wieder verschwinden. Und dann hast du Ruhe. Bis sie wiederkommen, bis du die ersten Anzeichen fühlst, dass sie wiederkommen, und dich das Grauen wieder packt, denn du weißt, es gibt kein Entkommen. Die Sehnsucht, aus diesem verdammten Status rauszukommen ist ebenso unendlich wie die Verzweiflung über das Wissen, dass dir das niemals dauerhaft gelingen wird. Außer, du verabschiedest dich von dieser Welt.


Freund: Ich werde die Toilette aufsuchen und eine Zigarette auf dem Balkon rauchen. Bis gleich.


Nachdem er den Raum verlassen hat, hört er den Schuss. (2013)

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