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Freitag, 7. Oktober 2016

Waidwund





Der Schuss hatte nicht gesessen, anstatt einen tödlichen Schuss anzubringen hatte der Waidmann das Reh angeschossen, nicht aber getötet. Es war ins Dickicht des Waldes geflohen, dorthin, wo der Jäger seinen Hund nicht hineinschicken wollte, zu groß war seine Angst, sein geliebter Vierbeiner und treuer Jagdgefährte könnte von einer Bache gewittert werden, die ihn unweigerlich angreifen und töten würde, aus Angst um ihren Nachwuchs. Selbst dem Tier zu folgen, dazu hatte er keine Lust, wusste er doch, dass angeschossene Tiere in einigen Fällen beachtliche Strecken zurücklegen und sich im Falle einer Entdeckung bisweilen äußerst aggressiv gerieren konnten. So beschloss er, das Stück seinem Schicksal zu überlassen und dem Jagdherrn sein Missgeschick zu verheimlichen, in der Hoffnung, dass die Natur dafür sorgen würde, in Form ihrer Beutegreifer und Aasfresser, dass der Fehlschuss seinen Kanal nie ans Tageslicht führen werde. Das Reh hatte es geschafft, zehn Minuten weiterzulaufen, dann war es auf einem Bett aus Moos zusammengesackt. Da lag es nun, sein Fell verklebt vom Blut, das aus der Schusswunde in kleinen Rinnsalen lief, die Augen weit aufgerissen vor Schmerz und Schock, versuchend, das Loch mit seiner Zunge zu erreichen, um ein wenig Linderung des Schmerzes herbeizuführen, allein, die Zunge reichte nicht weit genug heran, sodass auch der desinfizierende Speichel seiner möglichen Wirkung beraubt wurde. Es lag und vermied, Laute von sich zu geben, andere Tiere sollten nicht auf seine Lage aufmerksam werden, es gab genügend Beutegreifer im Wald, nur das hässliche Geräusch von umherschwirrenden Fliegen war zu vernehmen, Tiere, die zielsicher jede Unpässlichkeit auszunutzen wussten, bald würden sie auf das im Moos liegende Tier aufmerksam werden, nicht lange wäre darauf zu warten, bis sich ihre Maden bibbernd an der Wunde gütlich täten. Mehrere Stunden vergingen, das Reh fühlte, dass es schwächer wurde, der Tod, die Erlösung von den Qualen, war nur eine Frage der Zeit. Es hatte seine Gruppe verlassen, um auf eigene Faust schmackhaftere Nahrung zu suchen, als die, die die übrigen Mitglieder seiner Gruppe zu sich nahmen, eine, wie sich herausstellte, fatale Entscheidung, fehlte durch das Verlassen der Gruppe doch deren Sicherheit, die durch die Aufmerksamkeit vieler Rehe gewährleistet war, die nach Gefahren Ausschau hielten, die Suche nach Ruhe und Selbstbestimmung geriet zu einem Weg in die Einsamkeit, durch das verletzt werden vom Projektil und das warten müssen auf den eigenen Tod hoch potenziert. Die Abenddämmerung brach herein, ein kühler Wind kam auf, der den Geruch des Rehs zu allen Kreaturen tragen musste, die, ihre Schnauzen gegen den Wind richtend, auf Nahrungssuche waren. Es lag reglos im Moos und vermied jeden Laut, in der Dämmerung und in der Nacht waren Laute besser vernehmbar, da viele Wesen, die den Tag mit ihren Geräuschen lebendig machten, in der Nacht in ihren Ruhestätten waren. Nach wenigen Stunden in tiefer Dunkelheit vernahm das Reh den leisen Tritt von Pfoten in der Nähe seines Platzes im Moos, vorsichtig, selbst bemüht, kein Geräusch zu verursachen, dennoch schnell und bestimmt, dann plötzlich  innehaltend und abwartend. Das Reh vernahm das kaum vernehmbare Geräusch, das entsteht, wenn Luft zum Zweck des Aufnehmens einer Witterung durch eine Schnauze gesogen wird, auch stieg ihm der Geruch eines anderen Tieres in die feine Schnauze, der eines Wolfs. Starr vor Schreck schloss das Reh die Augen, in der irrigen Annahme, könnte es den Wolf nicht mit eigenen Augen sehen, würde der Wolf es auch nicht sehen können. Das leise Geräusch der Pfoten kam näher und als das Reh die Augen öffnete, gab eine Wolke den Blick auf den Mond frei, den sie bisher verdeckt hatte, und das Reh sah direkt in die im Mondlicht funkelnden Augen eines riesigen Wolfs, dessen Fell, im Mondlicht gut auszumachen, pechschwarz war. Der Wolf knurrte und mit gesträubten Nackenhaaren näherte sich seine Schnauze der des Rehs, es konnte den schlechten Atem der Bestie riechen, der Geruch von Blut entströmte dem Wolfsmaul ebenso wie ein immer intensiver werdendes kehliges Knurren, dann begann der Wolf, den liegenden Körper des Rehs zu beschnuppern, an der Stelle, an der die Kugel des Jägers eingedrungen war, hielt er inne, leckte mit seiner Zunge über das eingetrocknete Blut, ließ ein Knurren vernehmen, welches eher lustvoll denn aggressiv klang und schlug seine Fangzähne in die mehrere Stunden alte Wunde. Im Dunkel der Nacht ertönte der Schmerzensschrei des verwundeten Tieres, mit größter Anstrengung versuchte es, dem Raubtier einen Tritt mit seinen Beinen zu versetzen, der Wolf ließ kurz ab von seinem Opfer, sprang auf die andere Seite des Rehkörpers und schlug seine Zähne abermals in die von ihm bereits vergrößerte Wunde, diesmal jedoch riss er durch fortwährende Kaubewegungen ein großes Stück Fleisch aus dem Körper des todgeweihten Tieres, das er gierig verschlang, während das Reh vor Schmerzen brüllte. Der schwarze Wolf sprang auf den Kopf seines Opfers zu und als das Reh sein Maul abermals öffnete, schob der Wolf seine Schnauze zwischen die Kiefer des Rehs und riss ihm die Zunge heraus, auf dass es nicht allzu laut brüllen konnte und kein anderes Tier auf die leichte Beute aufmerksam werden würde. Fortan waren die Schreie des Rehs nur noch als schwaches Röcheln vernehmbar, es spuckte Blut während der Wolf ein weiteres Stück aus der Wunde riss, dieses Mal mit größerer Mühe, musste er doch eine Sehne durchbeißen, was ihm erst nach mehreren Versuchen, im Zuge welcher er immer wieder aufs Neue zubeißen musste, gelang. Die Wunde im Körper des Rehs war mittlerweile vergrößert und blutete stark, als der Wolf von seinem Opfer abließ und sich davonmachte. Das auf seinem Totenbett aus blutgetränktem Moos liegende Reh fiel in tiefe Ohnmacht, sein Fell blutverschmiert, seine Schnauze malträtiert. Einige Stunden später erwachte das Reh aus dem Koma und blickte ein zweites Mal in die Augen des Wolfs, welcher sich in den vergangenen Stunden in der Nähe des Rehs aufgehalten haben musste, auf dass kein anderes Tier ihm seine Beute streitig machen würde. Der Wolf trabte zum anderen Ende seiner Beute und begann, seine Fangzähne in den Oberschenkel des Rehs zu schlagen und riss ein großes Stück heraus, auch dieses Mal benötigte er mehrere Anläufe, die Sehnen und den Knochen durchzubeißen, er kaute lange darauf herum, schließlich machte er sich von dannen. Anstatt das bei seiner ersten Attacke geschlagene Loch im Körper seines wehrlosen Opfers weiter zu vergrößern, entschied sich der schwarze Wolf dazu, eine weitere Wunde zu schlagen, wollte er doch nicht, dass das Reh sofort verendete, auf diese Art und Weise hatte er sich die Möglichkeit geschaffen, noch frisches Fleisch abzubekommen, anstatt sich mit totem Fleisch im Anfangsstadium der Verwesung vollfressen zu müssen. Das Reh war nicht mehr in der Lage, die Stelle in seinem Körper auszumachen, von der die größten Schmerzen seine Sinneswahrnehmungen trübten, es röchelte, Blut rann aus seinem Maul, die Zeitspanne seines Lebens würde nur noch kurz sein. Der riesige schwarze Wolf kam ein weiteres Mal zu seiner Beute, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, das Reh atmete schwach und unter größten Anstrengungen. Der Wolf zerfetzte ohne große Mühe die Bauchdecke seines Opfers, riss dessen Eingeweide heraus, verschlang von diesen lediglich das Herz und zerriss, bevor er sich wieder in den dunklen Wald zurückzog, die Kehle des Rehs. (2013)

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