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Dienstag, 11. Oktober 2016

Wiener Wölfe






An einem Novemberabend schlenderte ich durch den Wiener Stadtpark und ahnte nicht, dass dieser Tag der letzte meines gewohnten Lebens werden sollte.
Zuvor hatte ich mich mit Freunden getroffen. Wir hatten uns ein Fußballspiel im Fernsehen angeschaut, ein paar Biere getrunken und gute Gespräche geführt.
Eine Wolke gab den Mond frei, er war voll und sein Licht erleuchtete den Weg, auf dem ich ging. Ich blieb stehen, zündete mir eine Zigarette an und blies den Rauch in die Richtung des Mondes, als ich Geräusche, die ich nicht eindeutig zuordnen konnte, vernahm. Es waren keuchende und knurrende Laute, die einander abwechselten.
Erst dachte ich an ein Liebespaar im Gebüsch und wollte mich leise entfernen, doch dann wurde meine Neugier übermächtig und ich näherte mich dem Strauch um nachzusehen, was sich darin abspielte.
Das Keuchen verstummte, nur das Knurren war noch zu hören. Ich vermutete einen Hund, der entlaufen war und nun ängstlich Schutz suchte, also sprach ich ein paar beruhigende Worte und ging vor dem Gewächs in die Hocke, um dem vermeintlichen Hund zu zeigen, dass von mir keine Gefahr ausging.
Das Knurren hörte auf, stattdessen drang ohrenbetäubendes Geheul in meine Ohren, und das, was sich im Strauch verborgen hatte, kam heraus.
Es war der größte Wolf, den ich je gesehen hatte. Seine Schulterhöhe betrug annähernd zwei Meter, sein Fell war pechschwarz und in seinem Maul hatte er Reißzähne, die einen Bären mit einem Biss hätten töten können. Aus leuchtend roten Augen sah er mich an und zog die Lefzen nach oben, dann fiel er mich an und vergrub seine Zähne in meiner linken Schulter, was mich auf der Stelle ohnmächtig werden ließ.

Zwei Tage nach dieser Attacke erwachte ich im Allgemeinen Krankenhaus. Meine Schulter schmerzte und ich läutete nach einer Krankenschwester.
Sie kam an ein Bett und sagte: “Guten Morgen. Es freut mich, dass es Ihnen besser geht.”
“Besser?”, fragte ich verwundert. “Was meinen Sie mit besser?”
“Sie haben im Fieber gesprochen.”
“Was habe ich gesagt?”
Sie kicherte. “Ziemlich wirres Zeug.”
Nun kicherte auch ich. “Das kann ich mir gut vorstellen.”
“Der Oberarzt möchte mit Ihnen sprechen”, sagte sie mit plötzlich ernster Miene.
Ich war beunruhigt. “Ich werde doch keine bleibenden Schäden davontragen?”, fragte ich ängstlich.
“Nein, Sie haben nur eine Fleischwunde”, gab sie zurück und verließ den Raum. “Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie ruhig. Wir sind rund um die Uhr für unsere Patienten da”, sagte sie im Hinausgehen.
“Danke!”, rief ich ihr nach.

Fünf Minuten später stand der Oberarzt vor mir und kam ohne Umschweife zur Sache.
“Wissen Sie, was Ihnen diese Verletzung zugefügt hat?”, fragte er.
“Ich vermute, dass es ein riesiger schwarzer Hund war”, sagte ich.
“Nein, das war kein Hund. Sie sind bereits der dritte Mann, der gebissen wurde.”
“Was war es dann?”
“Sie wurden von einem Werwolf gebissen”, sagte er mit düsterem Blick.
Ich lachte, jedoch war es ein Lachen aus Unsicherheit. In dem Augenblick, in dem ich die Bestie zu Gesicht bekommen hatte, war mir klargeworden, dass es Werwölfe tatsächlich gibt.
“Kennen Sie die Legende vom Werwolf?”, fuhr er fort.
“Ja”, antwortete ich. “Ich werde mich beim nächsten Vollmond in einen verwandeln.”
“Das werden Sie, und Sie werden morden.”
“Wie kann ich das verhindern?”
“Gar nicht. Es sei denn, Sie erschießen sich mit einer Silberkugel.”
“Das würde ich niemals tun!”, rief ich.
Bevor der Arzt ging, sagte er noch: “Gott stehe Ihnen bei!”

Doch Gott hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.
Die erste Veränderung, die ich an mir bemerkte, betraf meine Augen. Die Menschlichkeit war aus ihnen gewichen und an deren Stelle war die Mordlust getreten. Wenn ich meine Augen im Spiegel betrachtete, so waren es die kalten, gierigen Augen der Werwolfs, die mich anstarrten.
Meinen Mitmenschen fiel das nicht auf. Selbst meine Ehefrau bemerkte nicht, dass ein Wesen in mir war, das nicht von dieser Welt stammte.
Ich ging meiner Arbeit als Architekt weiterhin nach, doch wusste ich, dass ich dies nicht mehr lange tun könnte. Um ehrlich zu sein, wollte ich es auch nicht.
Die zweite Veränderung, die ich durchmachte, war die Intensivierung meiner Sinneswahrnehmungen. Sämtliche meiner Sinne waren geschärft. Als ich noch ein normaler Mensch war, hatte ich mich oft nach einem besseren Geruchssinn gesehnt. Nun, da ich ihn hatte, war er eine Qual, wenigstens am Anfang. Ich konnte einfach alles riechen, und noch dazu alles hören.
Die Wahrnehmungen prasselten auf mich ein und ich hatte große Mühe, mich nicht zu sehr auf das Gerochene oder Gehörte zu konzentrieren, sonst hätte ich die Tage damit zugebracht, mich über die Gewürze in den Mahlzeiten meiner Nachbarn zu wundern oder dem Treiben der Silberfischchen in den Zwischenwänden meines Ateliers zu lauschen.

Wenige Tage vor meinem ersten Vollmond als Wolf begann ich unruhig zu werden. Ich litt unter dem ständigen Ziehen in meinen Sehnen und Gelenken, das mir klarmachte, um wieviel größer ich werden würde.
Meine Frau fragte mich mehrere Male, was mit mir los war, doch ich wagte nicht, ihr die schreckliche Wahrheit zu sagen. Ich versuchte, die Dinge, die anstanden, so gut es mir möglich war zu erledigen, hatte jedoch keinen Erfolg dabei. Ich schob eine schwere Erkältung vor, die mich auf Bett geworfen hätte.

Am Tag meiner ersten Verwandlung fuhr ich in den Wienerwald und verbarg mich dort. Kurz vor Mitternacht wurde ich zum Wolf.
Unter beinahe unerträglichen Schmerzen verformte sich mein Knochengerüst, ein schwarzes Fell wuchs mir in bemerkenswerter Geschwindigkeit und plötzlich nahm ich mich wahr, wie ich auf dem Waldboden saß und den Mond anheulte. Die körperlichen Schmerzen waren abgeklungen, stattdessen peinigten mich nie zuvor gedachte Gedanken an die Jagd und an das Töten.
Ich lief durch den Wald und hatte auf einmal die Witterung eines Rehs in der Nase. Ich fand das Tier und stürzte mich sogleich darauf.
Mein Durst nach Blut und mein Hunger nach frischem Fleisch waren fürs Erste zwar gestillt, doch meine Instinkte sagten mir, dass Wildtiere keine angemessene Beute für mich waren.
Für einen Werwolf gibt es schließlich nur eine einzige wirklich lohnende Beute, nämlich Menschen.
Am Morgen war der Spuk vorbei. Ich erwachte nackt neben dem Kadaver des Rehs. Meine Kleidung hatte die Verwandlung nicht überstanden, doch das stellte kein Problem dar. Frierend machte ich mich auf den Weg zu meinem Auto, auf dessen Rücksitz ein Anzug lag, den ich Tage zuvor aus der Reinigung geholt und noch nicht in meinen Kleiderschrank gehängt hatte. Ich öffnete eine Flasche Mineralwasser und reinigte mein blutverschmiertes Gesicht. Dann fuhr ich nach Hause, wo mich meine Ehefrau bereits erwartete.

Sie stellte mich zur Rede, warf mir vor, ich hätte die Nacht bei einer anderen Frau verbracht. Ich wies ihre Anschuldigungen entrüstet zurück, und schließlich sah ich mich gezwungen, ihr die Wahrheit zu sagen.
Sie hörte mich lächelnd an und sagte kein Wort. Erst als ich ihr die Narbe zeigte, die vom Biss der Werwolfs im Stadtpark herrührte und von langen schwarzen Haaren umgeben war, die ich nicht verloren hatte wie den Rest meines Fells, verstand sie.
“Wir stehen das gemeinsam durch”, sagte sie.
“Das ist nett von Dir”, gab ich zurück. “Doch was, wenn ich Dir wehtue? Was, wenn ich die Kontrolle über meinen Wolf verliere und Dich anfalle?”
Sie lachte. “Dann sind wir eben ein Wolfspaar.”
“Das ist viel zu gefährlich!”, rief ich. “Meine Instinkte werden mich bald, wahrscheinlich schon beim nächsten Vollmond, dazu treiben, Menschen zu töten.”

So kam es dann auch.
Meine zweite Verwandlung fand in Anwesenheit meiner Frau statt. Sie hatte darauf bestanden zuzusehen, also fuhr ich mit ihr in den Wald und wurde vor ihren Augen zum Wolf.
Sie beobachtete das Geschehen ohne Furcht, denn ihr sechster Sinn hatte ihr wohl gesagt, dass ich sie nicht verletzen würde. Nachdem die Verwandlung vollzogen war, lief ich davon. Meine Frau lief mir nach und fand mich unter einem Hochstand. Der Jäger, der zuvor auf diesem gesessen und nach Wild Ausschau gehalten hatte, lag unter mir. Ich saß auf seinem Brustkorb und fraß seine Eingeweide, als ich meine bessere Hälfte hinter mir sagen hörte: “Sei bitte vorsichtig. Du weißt nicht, ob der Mann gesund war.”

Wien begann in Vollmondnächten unsicher zu werden.
Ausgeweidete Jugendliche im Stadtpark, in den Randbezirken leichte Mädchen, die Spuren fürchterlicher Klauen trugen, ein Massaker unter den Giraffen im Schönbrunner Tiergarten - all dies war mein Werk.
Die Zeitungen berichteten über schrecklich zugerichtete Leichen und vermuteten einen tollwütigen Hund als Verursacher, doch auf die Idee, dass ein Werwolf sein Unwesen trieb, kam niemand.

Meine Frau war fasziniert davon, mit einem Wolf zusammenzuleben. Nach jeder Vollmondnacht musste ich ihr bis ins kleinste Detail schildern, wie ich meine Opfer getötet hatte.
So ging es über zwölf Jahre lang.
Ich mordete mich durch Wien und führte ansonsten mein unauffälliges Leben als wenig erfolgreicher Architekt.
In all diesen Jahren hatte ich keinen anderen Werwolf zu Gesicht bekommen. Ich war der Meinung gewesen, dass die anderen Wölfe die Stadt verlassen hatten oder wenigstens bei Vollmond aufs Land fuhren.

Das war ein Irrtum.
Eines Tages suchte mich eine Frau in meinem Atelier auf. Sie kam unangemeldet und ich roch sofort den Wolf in ihr.
“Übermorgen ist der Mond voll”, sagte sie und blickte mich erwartungsvoll an.
“Woher wissen Sie, dass ich ein Wolf bin?”, fragte ich.
“Ich habe Ihren Wolf gerochen, als Sie in der U-Bahn an mir vorbeigegangen sind”, gab sie zurück. “Kommen Sie doch übermorgen bei uns vorbei”, schlug sie vor und nannte mir eine Adresse in der Nähe des Praters. “Sie werden viele treffen, die so sind wie Sie.”

“Du solltest hingehen”, sagte meine Frau, als ich ihr davon erzählte.
“Ich weiß nicht, was mich dort erwartet”, entgegnete ich.
“Eben”, meinte sie lächelnd. “Und wenn Du nicht hingehst, wirst Du es nie wissen.”

Im Keller der alten Villa waren achtzehn Wölfe versammelt, sieben davon weiblich. Nachdem wir unsere unmenschliche Gestalt angenommen hatten, liefen wir los.
Eine Gruppe von elf jungen Männern wurde unser erstes Opfer. Es ging uns nicht um Nahrungsaufnahme, sondern bloß um die Handlung des Tötens. Innerhalb weniger Minuten war die Straße voll von Blut und abgerissenen Gliedmaßen, und die letzten Schreie unserer Beutestücke erstarben. Wir hockten im Kreis um die sterblichen Überreste der Männer und heulten den Vollmond an.
Dann liefen wir zum Schönbrunner Schlosspark, dessen Mauer wir mühelos überwanden. Dort richteten wir ein weiters, jedoch kleineres Blutbad an. Zwei Liebespärchen hatten es sich unweit voneinander im Gras bequem gemacht und waren in ihre Spiele so vertieft, dass sie uns erst bemerkten, als wir vor ihnen standen. Sie flehten um Gnade, doch nachdem dem ersten Mädchen durch einen Prankenhieb der Kopf abgerissen worden war, beteten sie nur noch. Gott stand ihnen in dieser Nacht nicht bei.

“Ich habe Anschluss an eine Gruppe von Wölfen gefunden”, teilte ich meiner Frau am nächsten Morgen mir.
“Das freut mich sehr für Dich”, gab sie zurück. “Wirst Du Dich in Zukunft immer mit Deinen neuen Gefährten verwandeln?”
“Ich halte das für das Beste.”
“Warum?”, fragte sie ein wenig gekränkt.
“Es ist einfach zu gefährlich, Liebes”, sagte ich. “Heute Nacht habe ich erfahren, zu welcher Grausamkeit Werwölfe fähig sind.”
“Als ob Du das nicht schon vorher gewusst hättest”, sagte sie spöttisch.
“Natürlich habe ich das gewusst. Was jedoch heute geschehen ist, was wir gemacht haben, stellt die Taten, die ich alleine begangen habe, bei Weitem in den Schatten.”
“Warum?”
“Was ich alleine verbrochen habe, wurde mir von meinen Instinkten befohlen. Was wir im Rudel angestellt haben, hat mit bloßem Instinkt nichts mehr zu tun. Das war das reine Böse”, sagte ich mit leiser Stimme und zu Boden gesenktem Blick.
“Was meinst Du damit?”
“Es war der Gruppendruck. Wir waren frei, das zu tun, was die Wölfe in uns tun wollten. Da trat eine Grausamkeit ans Mondlicht, die Du Dir nicht vorstellen kannst. Wir wollten töten, einfach um Leben zu vernichten. Fünfzehn Menschen haben wir letzte Nacht umgebracht.”
“Mein Gott!”, rief meine Frau, die zum ersten Mal erkannt zu haben schien, was der Fluch des Werwolfs aus Menschen macht.

In der Zeit bis zum nächsten Vollmond pflegte ich keinen Kontakt zu den anderen Wölfen. Als die Zeit jedoch gekommen war, verwandelte ich mich wieder mit ihnen in der alten Villa.
Am nächsten Tag waren die Zeitungen voll von Berichten über ein Massaker im Zoo. Hunderte Tiere waren diesem zum Opfer gefallen, und die gesamte Belegschaft, die Nachtdienst versehen hatte, ebenfalls. Die Zäune der Gehege waren einfach zerrissen worden und die Tiere regelrecht abgeschlachtet, bis auf die Arktischen Wölfe. Die waren von uns gefüttert worden. Wir hatten Teile der anderen Tiere, zumeist Gliedmaßen, ins Wolfsgehege geworfen und die Wölfe hatten sich gierig darauf gestürzt.

“Um Gottes willen! Was habt ihr getan?”, rief meine Frau, nachdem sie die Zeitung weggelegt hatte.
“Wir waren Raubtiere, und als solche haben wir gehandelt”, sagte ich lakonisch. Dass dies kein Versuch der Rechtfertigung war, machte ich mit meinem nächsten Satz deutlich: “So war es eben.”
“Entsetzlich!”, entfuhr es ihr. “Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob ich solche Taten tolerieren kann. Wenn Du Dich bei jedem Vollmond auf diese Weise mit Deinem Rudel aufführst, wird es sehr schwer für mich werden, weiterhin mit Dir zusammenzuleben”, flüsterte sie. “Obwohl ich Dich liebe.”
Ich seufzte. “Ich liebe Dich auch”, begann ich, dann machte ich eine Pause.
Mir war bewusst gewesen, dass meine Frau, die meinen Wolf so viele Jahre ohne Murren ertragen hatte, eines Tages genug von mir haben würde. Dennoch trafen mich ihre Worte unvorbereitet.
“Ich verstehe Dich”, fuhr ich fort. “Doch ist es so, dass ich das Rudel nicht mehr missen möchte. Ich habe, wenigstens in Vollmondnächten, Gleichgesinnte gefunden, die all das normalen Menschen Unverständliche in meinem Wesen akzeptieren.”
“Ich verstehe Dich auch”, sagte sie und erhob sich. “Lass uns Freunde bleiben, ja?”
Dieser Satz traf mich tief, doch wusste ich, dass die Trennung die einzige Möglichkeit war, um dem Glück des einzigen Menschen, den ich je geliebt habe, nicht im Weg zu stehen.

In der Wolfsnacht, die auf meine Scheidung folgte, tötete ich acht Menschen. Ich ließ den übrigen Mitgliedern des Rudels keine Chance, selbst zu morden, so groß war meine Rage. Ich war wütend über das gerichtlich vollzogene Ende eines gemeinsamen Lebensentwurfes, selbst wenn der wahre Grund hierfür mir aufgezwungen worden war, nämlich mein Wolfsein.
Die anderen Wölfe ließen mich gewähren. Sie hatten offensichtlich Angst, dass ich sie töten würde, wenn sie sich mir in den Weg gestellt hätten.

Als ich am nächsten Morgen mit den anderen Wölfen im Keller erwachte, sprachen wir über diese Nacht. Niemand war mir böse, alle waren vielmehr beeindruckt von meiner Kraft und Wildheit und machten mich in einer geheimen Wahl zum Rudelführer.

An diesem Morgen veränderte sich mein Leben zum zweiten Mal.
Ich war plötzlich verantwortlich für die anderen Wölfe, musste Zielgebiete auswählen, in welchen wir ungestört marodieren und danach ungesehen entkommen konnten und war auch zuständig für das Erschaffen neuer Bestien.
Dabei ging ich behutsam vor. Ich überlegte mir sehr genau, wen ich zum Wolf machte. Wahllos Menschen anzufallen und sie durch einen Biss oder Prankenhieb mit dem Fluch, oder dem Segen, des Werwolfs zu belegen kam mir nicht in den Sinn. Ich verwandelte bloß kräftige und gesunde Männer und Frauen, um unser Rudel stark zu halten. So erschuf ich insgesamt vierzehn Wölfe, neun weibliche und fünf männliche.
Ich brachte ihnen alles bei, was sie für das Leben als Wolf wissen mussten. Sie waren wie Kinder für mich und sind es immer noch.
Mein Architekturbüro habe ich verkauft und die Summe, die ich dafür erhalten habe, mit meiner Exfrau geteilt, mit der mich noch heute ein freundschaftliches Verhältnis verbindet.
Bei unserem letzten Treffen hat sie mich gefragt, ob ich keine Angst um mein Rudel hätte. Nach Vollmondnächten liest sie nämlich sämtliche Zeitungen, um zu erfahren, was wir Wölfe angestellt haben, und sie ist der Meinung, dass es nicht mehr allzu lange dauern kann, bis das Rudel auffliegt.
Ich versuchte sie zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Aus Gründen der Geheimhaltung konnte ich ihr nämlich nicht mitteilen, warum ihre Sorge unbegründet war.

Nach vielen Jahren als Rudelführer trat ich zurück und bin heute nur noch in beratender Funktion tätig. Das Rudel wird mittlerweile von einem Wolf angeführt, der dieses Amt wohl noch einige Jahrzehnte ausüben wird, denn er ist der stärkste und intelligenteste Werwolf, den ich je getroffen habe.
Dank seiner Intelligenz besteht auch keine Gefahr, dass wir bald enttarnt werden.

Vor zwei Wochen, beim letzten Vollmond, stellte er dem Rudel nämlich die beiden Wölfe vor, die kürzlich von ihm erschaffen worden waren. Wir waren begeistert. Unsere jüngsten Mitglieder sind nämlich der Bürgermeister und der Polizeipräsident der Stadt Wien.

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