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Freitag, 7. Oktober 2016

Zehn Gebote





Die heutige Auktion ist eine besondere. Es gelangen bloß zehn zur Versteigerung, was ungewöhnlich wenige sind, doch ist das durchaus gerechtfertigt, denn alle zehn sollen mühelos sämtliche Anforderungen erfüllen, um zur Güteklasse 1A gezählt zu werden.
Die heutige Auktion findet in einer Halle am Rande der Stadt statt, welche einer der Teilnehmer dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat.
Insgesamt bieten heute zwölf Personen, allesamt Männer, auf die zehn.
Die Summe an Bargeld, Zuschläge sind nämlich sofort und bar zu bezahlen, die ich bei mir habe, beträgt einhundertfünfzigtausend Euro.

Los eins ist schwarzhaarig. Optisch ist das Los zwar brauchbar, doch die schwarzen Haare stören mich. In meiner Jugend hatte ich einen weißen Hund, dessen Fell mein Bruder, der damals die Lehre zum Frisör machte, schwarz färbte. Ich erschrak, als ich den Hund sah, und, ich gebe es zu, verabreichte meinem Bruder zwei Maulschellen. Seit diesem Tag habe ich große Probleme mit schwarzen Haaren. Selbst schwarz befiederte Vögel sind mir ein Graus. Ich halte überaus viel von Raben, denn sie sind höchst intelligente Tiere, doch ihr schwarzes Federkleid macht sie mir einfach unmöglich. Ich bin heilfroh, dass Los eins das einzige schwarzhaarige ist. Um mir vor den Mitbietern keine Blöße zu geben, tue ich kund, dass ich bereit bin, siebentausend Euro zu investieren, was mir erstaunte und auch spöttische Blicke einbringt. Der Zuschlag wird bei achtundzwanzigtausend Euro erteilt.

Nummer zwei kann, was den Körperbau anlangt, bloß als unförmig, in ländlichen, anzunehmenderweise holzreichen, Gebieten spricht man von aus dem Leim gegangen, bezeichnet werden. Ich muss gestehen, dass ich Unförmigkeit grässlich finde. Ich liebe beispielsweise die Werke Mondrians, während ich die von Picasso nicht ausstehen kann. Ich bevorzuge klare Linien, die gediegene Formen erkennen lassen. Meine Familie hatte in ihrem winzigen Garten einen Apfelbaum stehen, bloß einen einzigen. Meine Mutter, sie folgte der Lehre der reinen Natur, verzichtete darauf, den Baum mit Schädlingsbekämpfungsmitteln einzunebeln. Die Folge war natürlich, dass Schädlingsbefall eintrat und die Äpfel klein und, wie man auf dem Land sagt, verschrumpelt waren, also unförmig. Mir grauste vor diesen Äpfeln, selbst das aus ihnen zubereitete Mus schien mir irgendwie unförmig zu sein. Ich konnte es einfach nicht essen. Nun, ich bin gezwungen, eine Summe zu nennen, also tue ich das. Ich biete eintausendfünfhundert Euro, das sind einundzwanzigtausendfünfhundert Euro weniger als das Letztgebot.

Nummer drei ist, wenigstens in meinen Augen, perfekt. Die Form des Körpers, die Farbe der Haare, die der Augen, eines blau, eines braun, es passt alles. Selten habe ich solche Perfektion in einem Lebewesen erkennen dürfen. Einmal, als ich dreiundzwanzig Jahre alt war, habe ich ein ähnlich perfektes Wesen gesehen. Ich war im Tiergarten und sah mir gerade die Fütterung der Seelöwen an, als der eigens für mich abgestellte Zooführer meinte, wir sollten zu den Greifvögeln gehen. Dort sah ich in einer riesigen Voliere ein Steinadlerpaar auf dicken Ästen sitzen. Ich war überwältigt von der Schönheit und der Anmut, die diese Vögel, trotz ihrer Gefährlichkeit für Beutetiere, ausstrahlten. Ich biete zwanzigtausend Euro, werde aber überboten. Bei fünfzigtausend Euro liegt mein Limit für dieses Los, der Zuschlag wird bei dreiundfünfzigtausend Euro erteilt. Ich habe Pech.

Los vier trägt lichtes Haar, doch ist der Ansatz dieser Haare ungewöhnlich, er erinnert an zwei Sicheln, die sich berühren, um eine Spitze in der Mitte der Stirn zu formen. Ich bin entsetzt. Meine Großmutter hatte eine Vorliebe für spätnachts ausgestrahlte Filme, die das Thema Vampirismus zum Inhalt hatten, und auch das, was Leute, welchen dieser Wesenszug immanent ist, so alles anstellen. Ich erinnere mich noch gut an den einen Abend, als meine Großmutter den Raum verließ, um Haftcreme für ihre lose gewordene Zahnprothese zu suchen, und mich alleine vor dem Fernseher zurückließ. Der Vampir fuhr seine Zähne aus und saugt eine schöne junge Frau einfach aus, bis von dieser lediglich eine leere leblose Hülle übrig war. Ich weinte vor Grauen und konnte ob dieses schockierenden Verhaltens des Untoten drei Nächte keinen Schlaf finden. Los vier erinnert mich an den Großfürsten der Vampire, somit ist es mir unmöglich, eine größere Summe als viertausend Euro zu bieten, und ich werde auch sofort überboten.

Los fünf wird vom Auktionator als besonders einträglich beschrieben, was die Summe an Bargeld anlangt, die es einbringen wird. Ich weiß nicht, aus welchem Grund der Leiter der Versteigerung diesen Umstand erwähnt, meine Mitbieter jedenfalls mustern Nummer fünf mit Kennerblicken und nicken zustimmend. Ich habe schlechte Erfahrungen mit zu erwartenden hohen Summen gemacht. Nachdem ich mein Studium der Botanik abgebrochen hatte, versuchte ich mich als Viehzüchter. Ich schaffte mir drei Kühe und einen Stier an. Der Stier wurde mir als besonders potentes Exemplar angeboten, das kraft seiner Potenz das Zeug hätte, als eifrigster Besamer der näheren Umgebung den Kühen Freude zu bereiten. Nun, ich muss zugeben, dass ich dem Viehhändler auf den Leim gegangen bin, denn der Stier erwies sich als überaus träge, wenn er zu den Kühen durfte. Ich möchte diesen Fehler kein zweites Mal begehen, also biete ich dreitausend Euro, was bei meinen Mitbietern höhnisches Gelächter hervorruft. Diese lizitieren sich gegenseitig bis zu einer Summe von neunundsechzigtausend Euro hoch.

Nummer sechs ist rothaarig, was mich einerseits fasziniert, andererseits jedoch abstößt. Ich habe nämlich sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen mit roten Haaren machen dürfen respektive müssen. Meine erste Freundin war rothaarig. Sie führte mich in die Rudimente des körperlichen Kontakts zwischen Mann und Frau ein, was ihr ein Leichtes war, denn mit einem Vorsprung von zwanzig Lebensjahren ist so etwas nicht allzu schwer. Das zweite, weit weniger erfreuliche Erlebnis mit roten Haaren hatte ich zu der Zeit, in  der ich verheiratet war. Meine Ehefrau war blond und unsere Bettwäsche war weiß. Meine erste Freundin besuchte mich, und wie es das Schicksal wollte, kam sie in meinem Ehebett zu liegen. Am nächsten Tag entdeckte meine Ehefrau rote Haare auf dem Kopfpolster und machte mir eine fürchterliche Szene. Ich biete eintausend Euro und werde sofort überboten.

Los sieben hat kurzgeschorenes Haar. Ich bin amüsiert und interessiert zugleich. Ich selbst pflege mein Haar lang zu tragen, wobei ich zugeben muss, dass ich mir dieses die längste Zeit abgeschoren habe. Ich habe an sich kein Problem mit kurzen Haaren, doch müssen diese in das Gesamterscheinungsbild passen. Und bei Nummer sieben ist das eindeutig nicht der Fall. Sieben sieht zwar komisch aus, jedoch nicht ästhetisch. Meine Schwester hatte in jungen Jahren eine mir unerklärliche Vorliebe für langhaarige Nagetiere, um präzise zu sein für Angorakaninchen, entwickelt und sich eine Häsin dieser Rasse gekauft. Sie gab dem Tier einen kindlichen Namen, Mausi nannte sie es, doch alsbald stellte sich heraus, dass Mausi mitnichten eine Häsin war, sondern ein Rammler, der den Ball, der ihm zum Spielen in das Gehege gelegt worden war, in einem fort besprang. Eine fachgerecht durchgeführte Kastration beendete dieses Verhalten. Seit der Sache mit der vermeintlichen Häsin bin ich stets skeptisch, wenn ich kurze Haare sehe, wo eigentlich lange, oder wenigstens halblange, wachsen sollten. Ich biete zweitausendfünfhundert Euro, ein Mitbieter erhöht auf dreitausend Euro und erhält den Zuschlag.

Nummer acht hat Beine, die durchaus geeignet wären, neu verlegte Pflastersteine durch simples über sie laufen bis in alle Ewigkeit zu festigen. Ich bin kein Freund von so etwas Massivem und überlege, nicht mitzubieten, doch möchte ich nicht hinter den anderen Bietern im Raum zurückstehen. Es verhält sich nämlich so, dass ich in jungen Jahren Zeuge eines Arbeitsunfalls wurde. Nun ja, der Terminus Arbeitsunfall ist unpräzise, denn es handelte sich um einen Freizeitarbeitsunfall. Ich musste mitansehen, wie ein massiges Pferd seiner Besitzerin auf den Fuß trat. Ich unterstelle dem Tier keineswegs böse Absicht, vielmehr handelte es sich um ein Missgeschick. Da das Tier, wie gesagt, sehr massig war, und darüberhinaus auf dem Fuß der Reiterin einfach stehenblieb, somit großen Druck auf diesen ausübte, brüllte die Frau wie am Spieß. Seit diesem Tag habe ich große Probleme, wenn ich mächtiger Beine ansichtig werde, denn dann höre ich die Schreie der Frau in meinem inneren Ohr. Ich biete sechstausendsiebenhundert Euro, der Zuschlag wird bei der doppelten Summe erteilt.

Los neun fällt durch unangenehmen Geruch auf. Die Halle füllt sich rasch mit diesem Ungeruch, dessen Ursache mir nicht erklärlich ist. Ich bin angeekelt. Ein Freund aus Jugendtagen hatte einen Bernhardiner, der stets übel gerochen hat. Die Ursache hierfür war dem Freund und dessen Familie lange Zeit unerklärlich, oftmaliges Baden brachte keine Besserung, den Hund nicht mehr aus dem Haus zu lassen, wenn es regnete, half auch nicht. Erst die Umstellung auf anderes Futter brachte das gewünschte Ergebnis. Ich bin fast geneigt, laut in die Halle zu rufen, dass die Nahrung von Nummer neun umgestellt werden sollte, doch unterlasse ich dies in Hinblick auf meine gute Kinderstube. Ich biete fünfhundert Euro, und beinahe wird mir der Zuschlag erteilt, doch ein Mitbieter bemerkt meine ob dieser Tatsache offensichtlich verzweifelte Miene, erbarmt sich und bietet fünfhundertfünfzig Euro.

Nummer zehn ist perfekt, sogar noch perfekter als Nummer drei. Ich bin hin und weg. Ich biete einhunderttausend Euro und werde nicht überboten. Los zehn ist blond und hat blaue Augen, darüberhinaus ist es groß gewachsen. Ich freue mich sehr, dass ich den Zuschlag erhalte. Nummer zehn wird, da bin ich mir so sicher, dass die Sache mit dem Stier vergessen ist, meine einhunderttausend Euro in kurzer Zeit wieder hereinbringen. Ich werde Los zehn in den nächsten Tagen ausgiebig testen. Danach werde ich Nummer zehn den Namen Monika geben und sie im größeren meiner beiden Bordelle unterbringen. (2014)

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