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Montag, 10. Oktober 2016

zwei seelen




wie geht es dir?


ich bin erstaunt, dass du sofort zu mir geeilt bist.


ich habe dich eben sofort erkannt.


und woher wusstest du, dass du mit mir würdest kommunizieren können?


ich habe es einfach versucht.


ich habe gut und gerne drei jahre gebraucht, bis ich dahintergekommen bin, dass das möglich ist.


ich war eben immer schon kommunikativ.


dass ich nicht lache!


schön ist es hier.


das stimmt. die sonne scheint hier jeden tag.


und warm ist es auch. wohlig warm, beinahe.


ja. zum ersten mal fühle ich mich geborgen.


zum ersten mal? meinst du das ernst?


ja. erst seit ich hier bin, geht es mir gut.


was kann man hier machen?


wie meinst du das?


womit verbringst du deine zeit?


ich war in den ersten drei jahren sehr einsam. ich wusste einfach nicht, wie ich mit den anderen kommunizieren sollte. also habe ich geschwiegen und mich in meinen eigenen gedanken vergraben.


und heute? heute kommunizierst du?


ja, natürlich. denn kommunikation ist das wichtigste.


tja.


warum seufzt du?


ach, bloß so. hast du nette bekanntschaften geschlossen?


ja, durchaus. ich habe die erfahrung machen dürfen, dass neunzig prozent der hier anwesenden sehr nett sind. natürlich haben wir alle hier unsere ecken und kanten, wie auch du, aber das ist in ordnung.


und die restlichen zehn prozent?


lass es mich so sagen: du wirst deine erfahrungen mit ihnen machen.


ich fürchte, das werden keine allzu angenehmen erfahrungen sein.


es ist aushaltbar, glaube mir. passieren kann hier niemandem etwas. wenigstens nichts wirklich schlimmes.


das freut mich zu hören. was war das schlimmste, was dir hier passiert ist.


lass mich nachdenken. das waren wohl die ersten drei jahre hier, in welchen ich mit niemandem kommuniziert habe.


das kann ich verstehen, aber das habe ich nicht gemeint.


was hast du denn dann gemeint?


was das schlimmste war, das du hier erlebt hast, mit anderen.


das war wohl die erkenntnis, dass ich mich getäuscht habe.


inwiefern getäuscht?


ich war der ansicht, dass das bild, was ich von anderen hatte, was ich vor meinem geistigen auge gesehen habe, der realität in keiner weise entsprochen hat.


was war so anders?


ich hatte mir stets gedacht, diese person muss in der realität so sein, wie ich sie mir vorgestellt habe. einfach, weil sie dies gesagt, das geschrieben oder etwas gemacht hat, das mir einfach, auf welche art auch immer, imponiert, mich bewegt oder irgendwie berührt hat.


und dann lernst du diese person, oder personen, kennen und musst feststellen, dass das, was dich bewegt oder berührt hat, bloß ein verschwindend kleiner teil im großen und ganzen dieses oder dieser menschen war oder ist.


ja.


ich kenne das. eine solche erkenntnis ist stets sehr ernüchternd.


das ist sie in der tat. aber hier bist du an dem besten ort, solche erkenntnisse zu gewinnen. aber es geht natürlich auch andersrum.


wie meinst du das, andersrum?


ich habe es oft erlebt, dass ich mit einem menschen kommuniziert habe, von dem ich eine vorgegeben meinung hatte, die nicht eben positiv war. ich hatte mir gedacht, dass alles an diesem menschen schlecht sein müsste, weil er doch dieses oder jenes gesagt oder gemacht hat.


und dann warst du positiv überrascht?


ja, das war ich. viele male sogar.


warum das?


weil, wie sich oftmals herausgestellt hat, diese menschen in genau der situation, in exakt diesem augenblick, gar nicht anders hätten handeln können, oder etwas anderes sagen. einfach, weil sie in gewisser weise gefangen waren.


gefangen? also, ich weiß nicht so recht. man hat doch immer eine wahl.


hat man eine solche wirklich immer?


ja.


naja. es ist oftmals so, dass eine äußerung oder eine tat nicht für sich alleine betrachtet werden dürfte. ich verwende bewusst den konjunktiv, denn auch ich habe sehr oft den fehler begangen, eine handlung oder eine äußerung als ein einziges element zu betrachen. dabei ist sie in der mehrzahl aller fälle lediglich der schlusspunkt einer langen reihe von einzelnen elementen. aber das wirst du hier sehr schnell lernen.


apropos schlusspunkt. warum hast du dich zu einem solchen entschlossen?


auch bei mir war dieser schlusspunkt, und ich nehme an, dass ich weiß, welchen du meinst, lediglich das endergebnis aus vielen einzelnen faktoren.


das weiß ich. und das war auch uns allen klar, die du entsetzt und traurig zurückgelassen hast.


das tut mir ehrlich leid.


ich glaube dir, aber dennoch hättest du diesen schlusspunkt nicht setzen dürfen. nicht im alter von sechsunddreißig jahren!


es war in wahrheit so, dass ich diesen schlusspunkt bereits mit fünfunddreißig jahren gesetzt habe, innerlich jedenfalls. bloß ausgeführt habe ich die tat später.


uns allen war bewusst, dass diese seite in dir war. du hast ja auch oft darüber geschrieben. jahrelang hat uns die frage gequält, ob wir etwas hätten machen können, um dich von deinem vorhaben abzubringen. hätten wir denn?


es ist vielleicht besser, wenn du mir diese frage nicht stellst.


warum soll ich sie dir nicht stellen?


weil es hier, in der welt der seelen, keine lüge gibt. es gibt natürlich die möglichkeit, die antwort auf eine frage zu verweigern, aber die möglichkeit zu lügen, die gibt es nicht. und ich gehöre nun einmal zu jenen, die antworten.


dann antworte.


ihr, als kreis von freunden und familie, hättet nichts machen können.


ausweichende antworten, oder wenigstens solche, die keine klare aussage zum ausdruck bringen, sind in der welt der seelen offenbar zulässig.


nun gut, da du klartext willst: abgesehen von dir hätte niemand etwas machen können.


abgesehen von mir?


ja.


das habe ich viele jahre lang befürchtet. es war meine verweigerung eines gesprächs, durch welches du mit mir hättest abschließen können. habe ich recht?


ja, du hast recht.


und das war der grund, aus dem du diesen schlusspunkt gesetzt hast?


nein, das war nicht der grund.


was war dann der grund? dass ich dich nicht wollte?


nein. mir war bereits in dem augenblick, in dem ich dir gesagt habe, dass ich unsterblich in dich verliebt bin, klar, dass du mich nicht würdest haben wollen.


warum war dir das klar?


weil es niemals hätte sein können, dass meine traumfrau mit so etwas wie mir eine beziehung eingehen würde.


und warum?


weil ich es einfach nie geschafft habe, zu dir durchzudringen. und genau das wäre notwendig gewesen, denn dann hättest du unter umständen erkennen können, wie ich wirklich war.


das stimmt. ich habe dich nie an mich herangelassen. das war vielleicht ein fehler.


nein. das war damals eben deine entscheidung. ich habe ja auch nichts gemacht, beruflich, meine ich. gut, ich habe geschrieben, aber ansonsten bloß getrunken.


ich habe gewusst, dass du dein leben für mich geändert hättest, aber es war auch für mich keine einfache zeit. war der grund für deinen schlusspunkt der, dass ich dir ein letztes gespräch verweigert habe?


deine verweigerung war nicht der grund. der grund war der, dass ich einfach nicht, auf welche art und weise auch immer, mit dir abschließen konnte, denn bis zu meiner letzten sekunde war ich in dich verliebt. es war so: ich habe damals versucht, mit anderen frauen beziehungen einzugehen, doch war ich dazu nicht in der lage. ich war zeit meines lebens ein mensch, der abschließen musste, um etwas neues anfangen zu können. und nach einigen gescheiterten versuchen mit anderen frauen habe ich dich einige male um ein solches gespräch gebeten.


das stimmt.


tja. und als mir klar war, dass ich ein solches nicht bekommen würde, habe ich diesen schlusspunkt gesetzt. nachdem ich den grund deiner verweigerung aus deinen nachrichten herausgelesen habe.


was hast du herausgelesen?


dass du worte aus deiner therapie geschrieben hast. nachdem deine therapeutin auch einmal meine war, war das nicht schwer. du hast geschrieben, dass du gelernt hast, besser auch dich achtzugeben. das hast du zweifelsohne, und zwar indem du dir einen panzer zugelegt hast, durch den selbst flehentliche bitten nicht mehr dringen konnten.


das was selbstschutz.


ich weiß. ich mache dir das auch nicht zum vorwurf. ich habe es zeit meines lebens nicht geschafft, mir einen solchen panzer zuzulegen. aus diesem grund habe ich auch einmal den raum verlassen, noch vor dem auftritt deiner schwester, weil ich es einfach nicht ertragen habe, dich zu sehen.


das habe ich mir gedacht, als du das lokal verlassen hast. und wenn du eine frau kennengelernt hättest, die du so sehr lieben hättest können wie mich, hättest du dann auf diesen schlusspunkt verzichtet?


das problem war, dass ich mir schlicht nicht vorstellen konnte, eine frau so sehr zu lieben wie dich, ohne zuvor mit dir abgeschlossen zu haben. aus diesem grund habe ich dich auch so oft um ein gespräch gebeten, bis zuletzt. bis zuletzt in dem wissen, dass dein panzer undurchdringbar bleiben würde. aber versuchen musste ich es einfach. selbst, als ich die abschiedsbriefe schon verfasst hatte und der schwarze wolf mich weit mehr als nur halbtot gebissen hatte.


warum hast du mir eigentlich einen abschiedsbrief hinterlassen?


was hätte ich denn reinschreiben sollen? du wolltest ohnehin nicht mehr mit mir sprechen. und das schönste, was ich je besessen hatte, habe ich dir ja ohnehin geschenkt.


ja. sie hat mir gute dienste geleistet.


das freut mich aufrichtig.


hast du mein leben verfolgt?


nein, ich habe niemandes leben verfolgt, weil das nicht möglich ist.


soll ich dir davon erzählen?


nein, sag nichts. als ich mich zu meiner tat entschlossen habe, war mir bewusst, dass ich nun kein teil mehr bin, in niemandes leben. bloß eine belastende erinnerung.


warum hast du denn nicht auf anderem weg versucht, den schwarzen wolf zu besiegen?


ich habe alles probiert, was mir eingefallen ist, glaube mir.


warum hat dir letzten endes nicht einmal mehr das schreiben geholfen?


weil ich stets das abschließen mit dir im hinterkopf hatte. als ich einen längeren text schreiben wollte, hat, als ich erst wenige kapitel geschrieben habe, der schwarze wolf wieder begonnen, mich zu zerreißen. da war mir klar, dass dieser text der letzte text sein würde, der mir möglich wäre.


warum hast du dir keine hilfe gesucht?


hilfe hätte nur eine andere person, eine frau, mir geben können.


ich?


nein. dass du mich nicht wolltest, war mir klar. auch wenn es mir bis zuletzt das herz zerrissen hat. helfen hätte mir bloß eine frau können, die mir wärme, geborgenheit, zuneigung und verständnis entgegengebracht hätte. ob du dies jemals hättest können, weiß ich nicht.


wie? das weißt du nicht? wie soll ich das verstehen?


also, ohne dich beleidigen zu wollen, und natürlich ohne wirklich zu wissen, wie du dich in beziehungen verhalten hast, die art und weise, wie du meine bitten um ein simples gespräch zurückgewiesen hast, lässt mich vermuten, dass, zusätzlich zum panzer, den du dir zugelegt hast, auch ein gewisses maß an oberflächlichkeit in dir war.


wie kommst du darauf?


ich habe dir in mails mehrere male die gründe dargelegt, aus welchen ein solches gespräch für mich so unglaublich wichtig gewesen wäre.


stimmt, das hast du.


eben. und so hart kann kein panzer sein, dass er derartige informationen nicht wenigstens ein stück weit zum herzen dringen lässt.


das ist richtig.


und sich trotzdem nicht dazu durchringen zu wollen, einem menschen ein solch simples gespräch zu ermöglichen, das ist nichts anderes als oberflächlich. noch dazu wenn man weiß, was dieser mensch für einen empfunden hat, und bloß noch abschließen will, oder muss.


so habe ich mich eigentlich nie gesehen.


das weiß ich. deshalb habe ich die nie einen vorwurf gemacht. es lag eben an deiner innerlichen grundeinstellung.


tja. wie war das sterben für dich?


schön. einfach schön. ich war augenblicklich frei von allem. und es hat nicht einmal wehgetan.


was waren deine letzten gedanken, bevor du gesprungen bist?

dass es allen immer gut gehen möge. (2014)

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