Freudenfest im Weihnachtshaus
von
Michael Timoschek
Am vierundzwanzigsten Dezember saß Pankraz Rumbichl in seinem Lokal und dachte darüber nach, wie sich der Abend entwickeln würde. Er hoffte auf den Besuch einiger guter Gäste und freute sich auf das Geld, das diese im Lokal lassen würden.
Die Tür ging auf und ein Mann betrat die Bar und setzte sich zu Pankraz.
Es handelte sich um Alois Smisl, einen Koch mit Haube, der eine Gastwirtschaft auf der gegenüberliegenden Seite der Straße betrieb.
„Pankraz!“, sagte er enthusiasmiert. „Ich habe eine Idee für ein phänomenales Weihnachtsessen, das du deinen Gästen servieren kannst!“
Rumbichl sah von seinem Glas Bier auf und brummte: „Na bravo, Smisl. Dann erzähl mal!“
Alois Smisl begann: „Ich habe mir ein Gericht vorgestellt, das zu dir und deinem Lokal passt. Zur Stärkung und auch als Unterlage für die folgenden Betätigungen an diesem Weihnachtsabend gibt es ein Frankfurter Würstchen und dazu“-
Weiter kam er nicht. Pankraz sprang auf, hielt inne, überlegte kurz, ob er Smisl eine Maulschelle verpassen sollte, doch besann er sich einer besseren, weil gewaltloseren und seinen Bewährungsauflagen zuträglicheren Unmutshandlung, und riss dem Koch die Haube vom Kopf.
„Sag, Smisl, spinnst du? Ein Frankfurter? Was glaubst du, was für Gäste ich habe?“
Smisl legte seine Hand auf Rumbichls Arm und sagte: „So lass mich dir die Komposition des Gerichts erklären.“
„Also gut“, brummte Pankraz.
„Das obere Viertel des Würstchens kommt ohne Haut, dafür ist es an der Spitze eingekerbt.“
Pankraz lief rot an.
„Am unteren Ende der Wurst platziere ich zwei Grießnockerl und darauf geröstete Zwiebeln, um den Eindruck des, nun ja, Wildwuchses zu erwecken. Und an die Spitze gebe ich ein wenig köstliche Sauce Hollandaise, so, als hätte diese das Würstchen eben verlassen.“
Pankraz begann zu schnauben, gab dem Koch seine Haube zurück und zerrte ihn zur Tür.
„Wäre dir Sauce Bernaise vielleicht lieber?“, versuchte Smisl doch noch ins Geschäft zu kommen, doch es war zwecklos.
Pankraz setzte sich wieder an die Bar und genehmigte sich einen Schnaps. Zur Sicherheit, und weil man nicht auf einem Bein steht, nahm er noch einen zweiten. Sein Ärger verflog schnell, als er vernahm, wie der Staubsauger im ersten Stock des Lokals ausgeschaltet wurde. Olga war mit dem Reinigen der Zimmer fertig. Sie kam nach unten und sah Pankraz mit dem Blick an, den nur eine erfahrene Gunstgewerblerin imstande ist aufzusetzen, wenn sie ihrem Chef etwas Gutes tun möchte, um dadurch ein wenig in der Hierarchie des Lokals aufzusteigen.
Pankraz kannte diesen Blick nur zu gut, denn er war seit seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr Bordellier. Seine Tante Wellgunde hatte das Etablissement geleitet, nachdem sie ihrerseits als damals erfolgreichste Prostituierte im Umkreis von vierhundert Metern ihrem Chef entsprechende Blicke zugeworfen hatte. In weiterer Folge hatte sie ihn geheiratet, um die Ecke gebracht, das Puff warm abgetragen, mit der Versicherungssumme wieder aufgebaut und einige Jahre geleitet, bis ihr Neffe Pankraz sein Studium abgebrochen und bei ihr angeheuert hatte.
Das ging zwei Jahre lang gut, doch dann wurde Pankraz seiner Tante überdrüssig. Er störte sich daran, dass sie viel Geld aus der Kassa des Betriebes entnahm, um sich teuren Schmuck und Pelze zu kaufen, und in noch viel höherem Ausmaß an der Tatsache, dass sie ihm untersagte, öfter als zweimal am Abend eine, wie er es nannte, Zimmerinspektion in weiblicher Begleitung vorzunehmen.
Die Tante erwies sich diesbezüglich als überaus stur und wollte nicht von ihrer Weisung Abstand nehmen, worauf ihr Neffe beschließen musste, ihr nachzusteigen.
Da sich dies an einem Bahnhof zutrug, es Winter war und der Bahnsteig rutschig, die Überwachungskameras noch nicht installiert und keine Zeugen am Bahnsteig anwesend waren, befand sich das Bordell von diesem Tag an in seinem Besitz.
Olga sah ihm in die Augen und unvermittelt griff sie ihm auf den Hosenstall und öffnete diesen.
Schnell erhob sich Pankraz und zog Olga in die kleine Küche der Bar, um sie dort, zwischen den Töpfen, in welchen er ab und an zur Entspannung Spaghetti zubereitete, ordnungsgemäß durchzunudeln.
Er war gerade mitten im Akt, als sein Telefon läutete. Da er es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, Anrufe stets entgegenzunehmen, nahm er auch diesen an, wenn auch nicht unbedingt erfreut.
„Wer stört?“, bellte er ins Telefon. „Ich schiebe hier gerade eine“-
Er hielt, jedoch bloß mir dem Sprechen, inne und Olga den Mund zu und überlegte eine Sekunde lang, wie er sich aus seiner Lage herauswinden könnte.
„Ich schiebe gerade eine Wurst ins Rohr, Schatzi!“
Er lauschte den Worten seiner Frau so andächtig, wie es ihm in diesem Augenblick möglich war, keuchte die Worte „Nein, sicher nicht, das sind doch meine Angestellten. Wir sehen uns zu Silvester“ ins Telefon und widmete sich wieder Olga.
Danach goss er sich einen Rum ein, sichtlich erleichtert, und dann noch einen zweiten, als seine Nichte Sieglinde die Bar betrat.
Sie war die Tochter seiner früh verstorbenen Schwester und durchaus vertraut mit den Sitten und Gebräuchen im Etablissement ihres Onkels.
Tante Wellgunde hatte nämlich ihrer Mutter das Bordell vererben wollen, denn sie hielt diese für weitaus geeigneter es zu führen, als Pankraz. Dass die Tante ihrem Neffen von ihrem Plan der Enterbung erzählt hatte, war für ihre Nichte fatal, denn einen Tag nach der Verkündung ihres Vorhabens kam diese unter ungeklärten Umständen ums Leben. Man fand sie in ihrer Wohnung mit zwei Einschüssen in der Brust, und neben ihr lag eine einläufige Flinte. Pankraz wurde verdächtigt und befragt, doch konnte er sich herausreden und machte seiner Tante ein Angebot, das sie nicht ausschlagen wollte, nämlich, den Gastronomiebetrieb lieber ihm zu vererben.
Sieglinde ging hinter die Bar und goss sich ein Glas Weißwein ein.
„Wie geht es dir, Pankraz?“, fragte sie ihren Onkel.
„Ach, weißt du, Kinderl, nicht so gut wie dir. Wie läuft es an der Universität?“
„Recht gut, doch bräuchte ich ein bisschen Geld für eine Studienreise.“
Ihr Onkel zeigte sich verständnisvoll und gab ihr eine hübsche Summe. Er hatte Sieglinde nach dem Tod ihrer Mutter bei sich aufgenommen und ihr eine unbeschwerte Kindheit ermöglicht. Über die genauen Umstände Todes ihrer Mutter sprachen sie nicht. Sieglinde war in jungen Jahren zur Vollwaise geworden, und hatte das Thema Eltern abgehakt.
Der Tag schritt voran und Pankraz Rumbichl bereitete seine Bar für den Abend vor. Er wischte den Tresen ab, polierte die Sektgläser und inspizierte die Zimmer im oberen Stock.
Nachdem er das Lokal für die Weihnachtsfeier vorbereitet hatte, begab er sich in das Gasthaus von Alois Smisl. Er bestellte ein Bier und setzte sich an die Bar.
Alois war ihm nicht böse wegen vorhin. Er trug seine Haube wieder und stellte Pankraz einen Teller hin, auf dem sich ein Würstchen, Knödelchen, gerösteter Zwiebel und Sauce Bernaise befanden.
Dieser lachte und aß den Teller leer. Neben ihm an der Bar lümmelte Siegbert Heiner, ein erfolgloser Musiker, der am Ersten jedes Monats das Bordell von Rumbichl aufsuchte.
„Heute ist Weihnachten, Pankraz!“, lallte er. „Wie wäre es denn, wenn ich mit meiner neuen Band ein kleines Konzert in deinem Puff gebe?“
Der Angesprochene verdrehte die Augen, denn er wusste, auf welche Art Heiner die Gage für seinen Auftritt erhalten wollte, nämlich, wie er es bei früheren Gelegenheiten ausgedrückt hatte, in Form eines Freifahrtscheins für den ersten Stock.
Rumbichl dachte kurz nach, dann sagte er: „Weißt du, Heiner, ich glaube ja nicht, dass du in der Lage bist, meine Gäste mit guter Musik zu beglücken.“
Der Musikant setzte zu einem Protest an, doch Pankraz sagte schnell: „Du weißt ja, dass in meinem Lokal nicht viel Platz im Barraum ist. Ein Sänger, der hoffentlich nicht du bist, und ein Gitarrist hätten Platz. Für einen Bassisten wäre zur Not Platz, auch wenn er von der Stange für die Mädchen wohl zum Teil verdeckt wäre. Aber wohin willst du das Schlagzeug stellen?“
Da erkannte Heiner, der sich inzwischen ein neues Bier mit Beistrich, also einem Glas Schnaps, bestellt hatte, die Gelegenheit, doch noch auftreten zu können.
„Wir stellen das Schlagzeug einfach in eines der Zimmer im ersten Stock! Dort wird ja ohnehin ständig geklopft!“
Pankraz wurde es zu viel. Er bezahlte und überquerte die Straße. Es war nicht mehr viel Zeit bis zum Aufsperren seines Lokals.
Die Mädchen trudelten nach und nach ein. Olga, die sich einen Platz in der Küche ihres Chefs erobert hatte, ließ sie ins Lokal und instruierte sie für den Abend.
Draghica, erfahrene dreiundfünfzig Jahre alt, lachte bloß. Es war nicht der erste Weihnachtsabend, den sie in der Horizontalen verbringen würde.
Auch Niki, die eigentlich Nikoletta hieß, und Rosinante, die eigentlich Rosetta hieß, beide sechsundvierzig Jahre alt, lachten.
Rosinante wurde so genannt, da ihre Kehrseite der des Pferdes von Don Quichote nicht unähnlich sah. Sie hatte nichts dagegen, so genannt zu werden, zum einen weil sie stolz war auf ihr Gesäß, das auf der Titelseite eines bulgarischen Erotikkatalogs abgebildet war, und zum anderen, weil sie in den zahlreichen Lokalen, in welchen sie bereits verkehrt hatte, unliebsame Erfahrungen bezüglich der Erwartungshaltung ihrer Kunden gemacht hatte, die ihren tatsächlichen Vornamen, nämlich Rosetta, als Künstlernamen ansahen, der auf gewisse erotische Vorlieben hindeuten würde.
Der erste Gast betrat das Lokal. Es handelte sich um Alfred Worlinger, den Pfarrer. Er besuchte das Bordell hin und wieder, wenn ihm der Sinn nach Abwechslung stand. Seine Haushälterin, die ihm drei Kinder geboren hatte, war bei ihrer Verwandtschaft in Polen, und so nutzte der Gottesmann die Gelegenheit, sich mit Rosinante zu verlustieren, denn er war es leid, nur die Glocken der Kirche läuten zu hören. Es machte ihm zu schaffen, dass an seinem, die harte Arbeit nicht gewohnten, Körper der Zahn der Zeit seine Spuren hinterließ.
Oft sagte er Männern, die in der heiligen Diskretion des Beichtstuhles ihre schwindende Libido beklagten und um Vergebung für all die wenig gottesfürchtigen Dinge baten, die sie unternahmen, diesen Zustand zu beenden: „Gott hat es so eingerichtet, mein Sohn. Ich selbst habe dem Allmächtigen darob gezürnt, doch dann erschien er mir im Traum und sprach ebenso salbungsvoll wie apodiktisch folgende Worte: ‚Ist die Glocke länger als das Seil, beginnt des Lebens zweiter Teil.‘“
Nachdem das Geläut für Rosinante und ihn geendet hatte, verließ der Pfarrer mit hochgezogenem Mantelkragen und dem Ausdruck der Scham im Gesicht schnell den Ort der Sünde.
Er war so freundlich die Türe für zwei Gäste aufzuhalten, die sichtlich angetrunken das Lokal betraten. Genau genommen betrat einer von ihnen das Lokal, der andere fiel in den Barraum des Etablissements. Nachdem ihm von seinem Begleiter aufgeholfen worden war, setzte er sich mit diesem an die Theke und bestellte Bier. Die Herren stellten sich als deutsche Studenten vor, doch nannten sie ihre Namen nicht. Rumbichl kannte sie nicht, doch fielen ihm die farbigen Kappen auf, die sie trugen. Sie erinnerten ihn an Schaffner, doch die Narben auf ihren Wangen ließen ihn vermuten, dass sie tatsächlich Studenten waren, auch wenn ihren Dialekt kein Mensch in Deutschland verstanden hätte.
Sie baten Olga, sie auf ein Zimmer zu begleiten und sie nahmen eine Flasche Sekt und zwei Gläser mit nach oben. Das dritte Glas, das ihnen von Pankraz angeboten worden war, lehnten sie ab.
Nach etwa zehn Minuten hörte der Besitzer des Bordells, wie der Staubsauger eingeschaltet wurde.
„Was treiben die beiden Burschen mit meiner Olga?“, brummte er.
Draghica und Niki warfen sich vielsagende Blicke zu und kicherten.
Da beschloss Pankraz, Nachschau zu halten. Er stieg die Treppe in den ersten Stock hoch. In der Hand hielt er einen Gummiknüppel, welchen er von einem Polizisten erbeutet hatte, was ihm in weiterer Folge eine Bewährungsstrafe eingetragen hatte, um Olga in ihrer offensichtlichen Notsituation beistehen zu können.
Zu seiner Überraschung fand er Olga in einem leeren Zimmer vor, welches sie gerade saugte.
Pankraz sah sie so entgeistert wie fragend an, und als Olga zu einer Erklärung ansetzte, musste sie laut sprechen, um die laut hörbaren akustischen Beweise gefühlter Lust, die aus dem Nebenzimmer zu ihnen drangen, zu übertönen. „Die Herren brauchen mich nicht“, sagte sie achselzuckend.
Kopfschüttelnd ging Pankraz nach unten und setzte sich auf einen Barhocker.
Er schenkte sich ein Bier ein und dachte über die beiden Studenten oben auf dem Zimmer nach, als diese herunterkamen und ihm einen verschmitzten Blick zuwarfen.
Pankraz erhob sich und teilte ihnen mit, dass seine Zimmer im ersten Stock Verrichtungszimmer für Männer in Damengesellschaft waren, worauf sie antworteten, dass sie soeben fertigverrichtet hätten und ihm einen Geldschein zuschoben, woraufhin Pankraz höflich nickte und den Herren die Tür aufhielt.
Er setzte sich wieder an die Bar, füllte sein halbleeres Glas voll und freute sich über den Geldschein, den er erhalten hatte, als die Tür aufging und Pankraz erstarrte.
Der liebe Gott und der Teufel hatten das Bordell betreten.
Der liebe Gott, das war Gottlieb Kappler, und der Teufel war Manfred Teufel.
Beide waren Polizisten und ab und an besuchten sie das Etablissement von Pankraz Rumbichl.
Da beide bei der Sittenpolizei arbeiteten und Rumbichls Bar somit in ihren Zuständigkeitsbereich fiel, verstand es sich von selbst, dass sie Nachschau halten mussten, ob alles mit rechten Dingen zuging.
Dass sie am Weihnachtsabend kamen, war jedoch ungewöhnlich, da beide verheiratet und Väter halbwüchsiger Kinder waren.
Kappler kam ohne Umschweife und auch ohne rhetorische Umwege, wie eine Begrüßung, zur Sache: „Rumbichl, wir haben zu reden!“
Pankraz fühlte Ärger und Ohnmacht in sich hochsteigen, denn die Herren waren dafür bekannt, kein offenes Ohr für die Anliegen der von ihnen amtsbehandelten Personen zu haben, dafür jedoch vier offene Hände.
„Ich habe euch doch erst vor zwei Wochen eine hübsche Summe ausgehändigt!“, knurrte Pankraz. „Wollt ihr mir etwa schon wieder mein hart verdientes Geld aus der Tasche ziehen?“
„Nein, Rumbichl, unser Geld holen wir uns nächste Woche“, sagte Teufel halblaut. „Wir sind in einer viel dringenderen Angelegenheit hier.“
„Und in welcher?“, fragte Pankraz.
Die anwesenden Damen beachteten die Polizisten nicht. Sie wussten, dass Beamte von der Sittenpolizei als eine Art Alleinstellungsmerkmal die Angewohnheit hatten, ein Bordell mit mehr Geld in der Tasche zu verlassen, als sie beim Betreten dabeigehabt hatten.
„Braucht ihr vielleicht ein Zimmer?“, fragte Pankraz und konnte ein ein Grinsen nicht unterdrücken, dachte er doch gerade an die beiden Studenten. „Für euch beide?“ Nun lachte er.
„Das ist nicht lustig, Rumbichl!“, herrschte Teufel ihn an.
„Wir benötigen ein Zimmer, jedoch nicht für uns“, sagte Kappler leise. „Also nicht für uns direkt. Also eigentlich schon, aber für uns drei.“
„Ich werde euch nicht begleiten“, sagte Pankraz.
Die Tür ging auf und der Polizeipräsident betrat das Bodell.
Er sah sich um, musterte die Damen und die Einrichtung der Bar und wandte sich an seine dienstlich Untergebenen: „Habt ihr schon ein Zimmer für uns organisiert?“
Pankraz schwante Übles, doch eingeschüchtert von den vielen goldenen Abzeichen auf der Uniform des Offiziers, wagte er nicht zu protestieren.
„Alles muss man selbst machen!“, rief der Polizeipräsident. „Herr Bordellier, was verlangen Sie für ein Zimmer für eine Stunde mit Damenbegleitung?“
Rumbichl nannte eine Zahl und erhielt die vollständige Summe.
„Möchten die Herren mit einer Dame nach oben gehen, oder sind Sie sich selbst genug?“, fragte Pankraz.
Kappler und Teufel wagten nicht, sich in das Gespräch einzubringen. Sie saßen an der Bar wie zwei Schuljungen, welchen eine harte Prüfung und womöglich eine strenge Bestrafung bevorsteht.
„Wir gehen zu dritt“, sagte der Polizeipräsident. „Wir brauchen keine Zeugen.“
Pankraz wurde abwechselnd heiß und kalt, doch wagte er keinen Widerspruch. Er verfluchte sich, dass er zu geizig gewesen war, Videokameras in den Zimmern zu installieren, um das Treiben dort überwachen zu können.
Die drei Uniformierten verschwanden in einem Zimmer und Pankraz konnte nicht anders, als ebenfalls in den ersten Stock zu gehen und zu lauschen.
Er vernahm das Gemurmel zweier Männer, unterbrochen von einem laut gerufenen „Nein! Das ist wieder falsch!“ und gefolgt von Geräuschen, bei denen es sich offenkundig um Maulschellen handelte.
„Was ist mit der Glocke?“, rief der Polizeipräsident.
Pankraz dachte an das, was die beiden untergebenen Beamten offenbar gerade erleiden mussten, und ihm wurde kalt ums Herz.
Wieder hörte er Gemurmel, gefolgt von erneutem zweimaligem Klatschen.
„Schon wieder falsch! Nun gut, Schiller geht noch immer nicht, sehe ich!“
Pankraz schlich sich hinunter an die Bar, goß sich ein großes Glas Bier ein und begab sich wieder nach oben.
„Wenn zwei Löcher vorhanden sind und bloß ein Stock, wie“ - mehr verstand Pankraz nicht, denn aus dem Erdgeschoss drang das laute Gelächter der Damen nach oben.
Als es geendet hatte, hörte Pankraz erneut das Klatschen zweier Ohrfeigen.
Er begann Mitleid mit den Polizisten zu haben, obwohl sie ihm jedes Monat einen pekuniär verlustreichen Besuch abzustatten pflegten.
„Also gut, letzte Aufgabe für heute, meine Herren: Wenn sich in einem Raum sechs Eier befinden und“ - wieder das Gelächter von unten. Pankraz hatte genug gehört und beschloss, Kappler und Teufel zur Hilfe zu kommen.
Er stieg die Treppe hinab und bedeutete den Damen mit einer Geste, still zu sein, dann schlich er sich wieder vor die Tür des Zimmers, denn er hatte vor, kurz vor dem Erschallen zweier weiterer Backpfeifen die Türe aufzudrücken und sich heldenhaft vor die Beamten zu stellen.
Allein, er kam zu spät. Als er sein Ohr an die Tür presste, erklangen die Ohrfeigen, gefolgt von einer eindringlichen und lautstark vorgebrachten Erklärung: „Sechs Eier in einem Raum! Zwei stiehlt der Fuchs! Wie viele Eier bleiben übrig? Vier natürlich! Mit euch zwei Dummköpfen ist kein Staat zu machen! Ihr bleibt bei der Sitte!“
Pankraz ging hinunter an die Bar und genehmigte sich zwei Schnäpse.
Der Polizeipräsident kam mit den beiden Beamten herunter und verließ kopfschüttelnd das Lokal.
Die beiden schwer geprüften Beamten taten Pankraz leid, und so stellte er ihnen sechs gut gefüllte Schnapsgläser hin in der Hoffnung, dass sie auf diese Weise zu einer Lösung der ihnen auf dem Zimmer gestellten herkulischen mathematischen Aufgabe kommen würden.
Die Beamten tranken die Gläser aus und verließen das Bordell.
Es wurde noch ein lustiger Weihnachtsabend für Pankraz Rumbichl. Siegbert Heiner, der Musiker, lallte ‚Stille Nacht‘ und auch Alois Smisl, der Koch, besuchte das Etablissement, um sich mit Draghica zu verlustieren.
Als der Morgen graute und Pankraz sowohl müde als auch einigermaßen betrunken war und nach Hause gehen wollte, wurde er Opfer einer Nötigung.
Olga öffnete erneut seinen Hosenstall und hauchte ihm ins Ohr: „Weil Weihnachten ist.“
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